Wie sinnvoll ist Zero Waste? #FoodForThoughtFriday

Wirklich so komplett ohne Müll, also „Zero Waste“ zu leben — geht das denn wirklich in unserer modernen Wegwerf-Gesellschaft? Da kauft man um Verpackungsmüll zu vermeiden in Unverpackt-Läden ein, aber wie bekommen solche Läden eigentlich ihre Waren geliefert? Zero Waste ist eine Utopie und ein attraktives Gegenkonzept zu unserem verschwenderischen Lebensstil. Doch ist es wirklich die Lösung oder nur Augenwischerei?

Vor gut zwei Jahren hat die Verana von @teadrinkingcat bei Instagram eine sehr interessante Diskussion angeregt: Wie sinnvoll ist Zero Waste?

Sie hat Kritikpunkte zusammengetragen und zur Diskussion aufgerufen.

Davon inspiriert wollte ich damals schon direkt einen Blog-Artikel dazu schreiben. Aber wie so häufig wird die Liste der Artikel, die man so schreiben möchte nur länger und nicht kürzer und so manches bleibt in der Warteschleife stecken 🙈…

Da das aber ein sehr wichtiges Thema ist, über das ich vor allem auch auf Insta viel berichte, greife ich es also nach über zwei Jahren endlich auch hier auf. Wurde auch Zeit!

Meine persönliche Perspektive

Für mich ist Zero Waste wie auch der veganer Lebensstil „nur“ Teil von einem größeren Wunsch. Nämlich der, so wenig wie möglich auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt zu leben.

Da ich schon immer hoffnungslos pragmatisch veranlagt war bin ich auch eine absolut unromantische Realistin. Und so schön ich Utopien finde, verliere ich mich selten darin, weil ich am Ende des Tages mich wie jeder andere auch nun einmal durch die bestehenden gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Strukturen navigieren muss – egal, wie bescheuert ich sie finde.

Auch bin ich nicht der Meinung, tatsächlich „nachhaltig“ oder gar umwelt-„freundlich“ zu leben. Im Gegenteil, ich weiß, dass es in den gegebenen Strukturen, in denen wir in Industriestaaten leben, einfach nicht möglich ist, wirklich nachhaltig zu leben.

Vor einiger Zeit hatte auch mal einen dieser Tests gemacht, die den CO2-Fußabdruck messen und dann sagen, wie viele Erden wir bräuchten, wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden wie ich. Im Test konnte ich sogar anklicken „ich mache gar keinen Müll“ und trotzdem kam ich auf 1,7 Erden! Denn keiner, der in einem Industrieland lebt kann auf einen Wert von unter 1 kommen.

Aber nur, weil es unmöglich ist, in Deutschland wirklich umweltfreundlich zu leben, möchte ich trotzdem nicht noch den ganzen Schwachsinn unnötig befeuern.

Kann man wirklich ganz ohne Müll leben?

Nein, komplett ohne Müll nicht, wofür das Müllglas vieler Zero Waster der lebende Beweis ist. Unsere heutige Infrastruktur ist nicht darauf ausgelegt, ohne (schädlichen) Müll auszukommen. Wir können nur so gut es geht den Müll dort vermeiden, wo wir als Verbraucher auch die direkte Kontrolle haben, nämlich beim letzten Schritt, unserem eigenen Konsumverhalten.

Vielleicht wäre „Minimal Waste“ daher der bessere und realistischere Name.

Es entsteht natürlich weiterhin viel Müll hinter den Kulissen, der wird auch „Upstream Waste“ genannt. Den können wir nur indirekt vermeiden, indem wir von den Herstellern Transparenz fordern, uns politisch engagieren oder eben durch bessere alltäglichen Kaufentscheidungen; indem wir unser Geld denjenigen geben, die es besser machen: Unverpackt-Läden, Bio-Bauern oder Fair Fashion Labels. Damit sie sich gegen die großen menschenverachtenden Umweltmonster behaupten und so auch weiterhin Gutes tun können. Sind sie perfekt? Nein, perfekt ist nichts und niemand und Luft nach oben ist immer. Aber sie sind zumindest besser und oftmals offen gegenüber Vorschlägen, um noch nachhaltiger zu werden.

Also nein, „null Müll“ gibt es nicht. Es sei denn, wir ziehen und komplett aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und werden zum Selbstversorger.

Aber heißt das etwa im Umkehrschluss, dass wir gar nichts machen und im Gegenteil sogar weiterhin dazu beitragen, dass das Problem sich verschlimmert? Ich finde nicht! Wenn ich die Wahl habe bin ich doch lieber Teil der Lösung als Teil des Problems.

Findet nicht einfach eine Müllverlagerung in die Läden statt?

Ja und nein.

Ja, denn wenn ich in Unverpackt-Läden oder auch anderen Läden mit unverpacktem Zusatzangebot einkaufe, ist es im Grunde so, dass ich mir eine Großpackung mit anderen Kunden teile. Ich schneide mir aber natürlich nicht anteilig etwas von der Verpackung ab, um sie mit nach Hause zu nehmen. Von der Warte aus verlage ich natürlich meinen Müll in den Laden.

Im Lager des Unverpackt-Ladens natürlich unverpackt in Münster

Leider ist es aber wie immer alles nicht ganz so einfach.

Natürlich ist es nicht so, dass Unverpackt-Läden ihre Ware komplett verpackungsfrei geliefert bekommen. Aber die meisten Unverpackt-Läden holen so gut es geht das Minimum heraus. Sie machen also das, wofür wir Otto-Normalverbraucher einzeln nicht genug Wumms haben: Sie reduzieren den Upstream Waste.

So weit ich weiß, schließen sich gerade die Unverpackt-Läden Deutschlands zu einem Verbund zusammen, um gemeinsam besser mit Herstellern und Lieferanten verhandeln zu können. Das Ziel: Weitere Müllvermeidung. Das soll z.B. durch Lieferungen in Pfandboxen oder -eimern statt Einweg-Großgebinden (= Verpackungsgrößen, die haushaltsübliche Mengen überschreiten, z.B. 5 bis 25kg bei Trockenwaren) passieren. Da einige Hersteller hartnäckigst auf Plastik-Großgebinde bestehen hoffen die Unverpackt-Läden, nun endlich gemeinsam besser Druck ausüben zu können.

Bei Unverpackt-Läden einzukaufen bedeutet zwar, dass natürlich hinter den Kulissen noch Müll anfällt, es bedeutet aber auch oftmals (hängt natürlich vom Engagement des jeweiligen Ladens ab), dass entlang der Lieferkette bereits hartnäckigst versucht wurde, das zu minimieren.

Und unterm Strich ist es einfach so: Es fällt insgesamt weniger Müll an. Weniger ist aber nicht gar keiner, wir leben halt leider noch nicht in einer Kreislaufgesellschaft. Wer effektiv auch im Alltag zusätzlich was dagegen tun möchte, der konsumiert weniger und achtet auf eine kurze Lieferkette. Denn unverpackte Bananen oder Avocados kommen trotzdem von weit her und verursachen unterwegs nicht nur viele Emissionen, sondern auch Müll.

Bringt es überhaupt etwas, als einzelner Mensch Zero Waste zu leben? Ist das nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

Wusstest du, dass bei uns in Deutschland  allein pro Stunde 320.000 Coffee-to-go-Becher auf dem Müll landen? Das ist die Summe der Handlungen vieler einzelner Menschen im Alltag.

Was wir so individuell tagtäglich ohne groß drüber nachzudenken machen, hat also sehr wohl einen ökologischen und gesellschaftlichen Einfluss. Denn unsere Handlungen normalisieren Dinge. Wenn wir häufig und ganz selbstverständlich unseren Kaffee in Einwegbechern kaufen, dann bestärkt das den Trend und es wird insgesamt normaler, sich den Kaffee halt in so einem blöden Wegwerfbecher zu kaufen.

Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre und mein Zero-Waste-Lebensstil auf absolut keine Sau sonst in irgend einer Form abfärben würden, so weiß ich für mich, dass ich trotzdem so leben würde. Denn ich möchte schlicht und ergreifen nicht auch noch zum Problem beitragen und es befeuern. Wohin Mitläufertum führen kann, zeigt uns ja leider die Geschichte.

Fazit?

Jeder Schritt in Richtung mehr Nachhaltigkeit ist sinnvoll. Der Name „Zero“ Waste verleitet einfach dazu, statt auf das Potential zu schauen die Nadel im Heuhaufen zu suchen.

Ich persönlich finde das sehr schade, denn wie auch Minimalismus enthält Zero Waste neben dem Umweltschutz viele Elemente, die das Leben bereichert, die Gesundheit verbessert, einem Zeit schenkt und Geld spart. Das alles geht aber bei der Suche, wo es dann doch nicht klappt, unter und statt sich damit zu beschäftigen stempeln viele Menschen Zero Waste als Verzicht oder ein unmögliches Konzept direkt ab.

Durch die Beschäftigung mit vegan und Zero Waste hab ich so viele neue, spannende Dinge entdeckt, die ich inzwischen wirklich nicht missen mag!

Nennt es also von mir aus wie ihr wollt: Weniger Müll, weniger Mist, Less Waste, Low Waste, Low Impact, Minimal Waste, plastikfrei… Am Ende geht es schlicht darum, sein Leben nachhaltiger zu gestalten – one way or the other.

Wir ticken alle anders, haben andere Bedürfnisse und stecken in anderen Lebensumständen. Sinnvoll ist der Weg, der dir am zugänglichsten ist. Viele Wege führen nach Rom (Rom = ein nachhaltiges Leben 😉). Es muss ja nicht Zero Waste sein.

Dem Einen fällt es leichter, tierische Produkte vom Teller zu streichen, vielleicht auch, weil es die Gesundheit sowieso verlangt. Dem Anderen fällt es leicht, sich ausschließlich bio, regional und saisonal zu ernähren, weil gärtnern und kochen sowieso zu den Hobbies gehört. Oder ihr möchtet euer Auto verkaufen und fortan euch mit den Öffis und dem Rad fortbewegen und habt außerdem festgestellt, das schöner Urlaub nix mit ganz weit weg zu tun hat?

Hauptsache, ihr seid Teil der Lösung und nicht des Problems und behält euch eure Neugier und Offenheit 💚!

Was denkt ihr so dazu? Wir handhabt ihr das mit Zero Waste oder anderen Dingen, die ihr macht, um euer Leben umweltverträglicher zu gestalten?

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Kategorie #FoodForThoughtFriday, Artikel, Dossier

5 Kommentare

  1. „Denn keiner, der in einem Industrieland lebt kann auf einen Wert von unter 1 kommen.“
    Echt? Wie kommst du auf die Idee? Ich hab jetzt vier verschiedene Onlinetests gemacht, weil ich dem ersten Ergebnis nicht ganz getraut hab und ich kam jedesmal locker auf unter 1.
    Einmal auf 50% (WWF Test), einmal 49%, einmal etwas vage „weniger als die Hälfte“ und einmal 0,7 beim Global Footprint Network.
    Mit Zero Waste hab ich nicht mal so viel am Hut weil ich es mir nicht leisten kann im Unverpacktladen oder Wochenmarkt einzukaufen, aber ich bin Veganerin, Fußgängerin und äh… arm, d.h. ich lebe von Grundsicherung.

  2. Vielen Dank für den interessanten Artikel. Mich wundert immer wieder, wie wenig über die tollen Seiten der Müllvermeidung berichtet wird. Unsere 4-köpfige Familie ist seit 2 Jahren halbwegs erfolgreich dabei. Seitdem haben wir mehr Geld, mehr Freizeit, weniger Aufwand fürs Einkaufen, mehr Ästhetik in Küche und Bad, gesündere Ernährung. All diese Vorteile werden kaum thematisiert. Es geht hauptsächlich um die „Rettung der Welt“. Wenn man den „normalen Leuten“ das Müllvermeiden schmackhaft machen will, sollte man ihnen die persönlichen Vorteile darlegen. Alles andere wirkt zu anstrengend und schreckt ab.

  3. Hi, schöner Artikel. Hab neulich auch mal 2 der Fußabdrucktests gemacht. Kam auch auf etwas über 1,7 Erden. Leider finde ich das die kein ordentliches Ergebnis abliefern. Es kam zum Beispiel die Frage wie hoch der Anteil der Importfrüchte/ Gemüse bei meinem Einkauf ist. Der ist bei mir sehr hoch. Allerdings kaufe ich kaum etwas weil wir in der Familie 3 Streuobstwiesen und 4 Gärten haben. An Obst kaufe ich für 2 Personen etwa 20 Orangen, 25 Bananen und 10 Nektarinen im Jahr. Sonst kommt unser Obst aus eigenem Anbau. Gemüse bauen wir auch viel selbst an, Kartoffeln krieg ich das ganze Jahr vom Bauern um die Ecke. Beim Müll war die Frage gar keiner und als nächstes ein Sack pro Woche. Beides stimmt nicht. Wir teilen eine kleine Tonne mit 3 Haushalten und einem Kleingewerbe und die ist nicht alle 2 Wochen voll. Genauso beim Auto. Da wurde gefragt wieviele km ohne Berufliche Fahrten gefahren wird. 5000km war das niedrigste zum anklicken. Ich komme mit Beruflichen Fahrten auf etwa 3000 im Jahr. Das sind die Km die hier auf dem Land nicht ohne Auto gehen und es nötig machen das ich eins rum stehen habe. Am blödesten fand ich aber die Frage wieviel Geld ich für Kleidung und Schuhe und sonstigen Konsum ausgebe. Ich kaufe wenig aber das was ich kaufe ist halt teuer. Für ein paar ordentliche Biostifel zahlt man halt schon mal 400 Euro. Die halten dann aber viele Jahre und der Schuhmacher für das machen von Sohlen und Absätzen kostet halt auch Geld. Das wird aber berechnet als hätte ich 8 Paar billige gekauft….

  4. 1,7 Erden? Das kann ich mir bei euch kaum vorstellen. Das ist der Wert, der bei mir früher auch immer rauskam, als ich noch im Studentenwohnheim wohnte (aktuell sind es 1,9 Erden nach http://www.footprintcalculator.org ). Dabei verursache ich deutlich mehr Müll als ihr und lebe auch in einer deutlich größeren Wohnung.

    Natürlich ist alles über 1 Erde viel zu viel, aber wie du schon sagst, ist es hier wohl nicht möglich, unter diesen Wert zu kommen. Ich bin da auch furchtbar pragmatisch. Ich mache von allem ein bisschen: Ich ernähre mich zu 95% vegan, kaufe Obst und Gemüse bevorzugt unverpackt, gärtnere trotz braunem Daumen, mache keine Fernreisen, schaue bei Neuanschaffungen, ob ich evtl, gebraucht was finde, benutze alte Stofftaschentücher usw. Aber in keinem dieser Punkte bin ich sonderlich perfektionistisch… das würde mir momentan zu viel Energie kosten. Trotzdem überlege ich immer, wo ich doch noch etwas besser werden kann… Es gibt tatsächlich auch eine Sache, dir mir durch und durch leicht fällt und das ist der Verzicht auf herkömmliche Putzmittel. Essig, Zitronensäure, Natron, Spülmittel… mehr braucht es wirklich nicht. Neulich habe ich deinen Rohrreiniger gemixt und endlich, endlich, ist der Abfluss frei geworden, der seit Jahren trotz Rohrfrei und Co. niemals frei wurde, yay <3!

    Liebe Grüße,
    Heike

  5. Ein ganz toller Artikel. Es ist halt nicht alles Schwarz-weiß aber jeder kann etwas für die Umwelt tun. Deine Antwort darauf: „ist es nicht ein Tropfen auf dem heißen Stein“ mit dem Vergleich mit den Coffee-to-go Becher ist einfach Spitze und zutreffend. Oft wird diese Frage nur als Vorwand genutzt, um nichts zu machen.
    Danke für die schöne Beiträge, die immer zum nachdenken und Handeln animieren 🙂

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