Warum Carsharing die Umwelt NICHT entlastet

Jeden Sonntag gibt es um 15:30 Uhr bei COSMO-Radio von mir etwas zu Nachhaltigkeit auf die Ohren! COSMO ist das weltoffene Radioprogramm vom WDR, Radio Bremen und Rundfunk Berlin-Brandendenburg (RBB).

Zu empfangen in NRW auf 103,3 MHz, in Bremen und Teilen Niedersachsens auf 96,7 MHz, in Bremerhaven auf 92,1 MHz und in Berlin und Brandenburg auf 96,3 MHz.

Hier gibt’s den Talk zum Nachhören
COSMO Livestream

Dass Autofahren nicht umbedingt zu den umweltfreundlichen Tätigkeiten gehört, wissen wir ja alle. Wie seid ihr denn so unterwegs? Bus und Bahn? Eigenes Auto? Fahrrad? Zu Fuß? Es gibt ja vermehrt eine neue Alternative, die vor allem in Großstädten zum Umweltschutz beitragen soll: Carsharing. Allerdings sieht unsere COSMO-Nachhaltigkeitsexpertin Shia Su das eher kritisch.

Shia, ich dachte immer, Carsharing wäre gut für die Umwelt…

Da bist du nicht die Einzige. Carsharing wird ja auch meistens so beworben, sogar vom Umweltbundesamt. Da heißt es – und ich zitiere – „Carsharing: Umwelt entlasten und Kosten sparen – eine gemeinsame Pressemitteilung mit dem Bundesverband Carsharing.“ Der Bundesverband Carsharing ist übrigens der Dachverband der deutschen Carsharing-Anbieter, also dem Lobbyverband für Carsharing.

Diese Überschrift suggeriert, dass Carsharing allgemein die Umwelt entlasten würde, die Informationen dazu beziehen sich aber auf ganz spezielle Fälle. Zum Beispiel wenn Unternehmen sonst Dienstfahrzeuge hätten, die nicht gut ausgelastet wären und damit auch vor allem Fahren zu Zielen machen, die sonst schwer mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Wie immer steckt der Teufel im Detail – genau hingucken ist da also gefragt.

Warum kommt man mit Carsharing nicht aus den Staus heraus? f

Wenn jeder von uns weiterhin genauso viel Auto fährt und dabei weiterhin meistens allein im Auto sitzt, macht es verkehrstechnisch keinen Unterschied, ob es ein Auto ist, das du dir leihst oder das du dir selber gekauft hast. Es bleibt gleich viel Verkehr. Laut repräsentativer Studien hätten 76% der Kunden statt Carsharing Öffis oder das Rad genommen oder wären einfach gelaufen. Die Hälfte der zurückgelegten Strecken sind Bequemlichkeitsfahrten von unter 5km und vor allem in Innenstädte, wo es auch das beste ÖPNV-Angebot gibt… Das heißt, durch Carsharing hat man eigentlich mehr Autos auf der Straße und in den Städten als vorher. Und sie machen es den Öffis noch schwerer, sich zu behaupten.

Auch wenn Carsharing vielleicht nicht für weniger Verkehr sorgt, sorgt es nicht zumindest für weniger Autos insgesamt?

Wäre schön – allerdings sehen die Zahlen auch da leider anders aus. Laut einer Studie würden nur 1,3% der potentiellen Käufer durch die Möglichkeit des Carsharings auf einen Autokauf verzichten. Auffällig ist ja auch, dass es wie bei Mietwagen immer auch ziemlich neue Fahrzeuge sind, d.h. sie werden schnell ausgetauscht – und das ist sicherlich nicht sehr nachhaltig.

Wo müssen wir als Pendler etc umdenken und was müsste logistisch geändert werden?

Als Pendler macht es für den Verkehr einfach keinen Unterschied, ob du jetzt im geliehenen oder gekauften Auto sitzt. Was die Straßen entlasten würde, wären Fahrgemeinschaften. So fährt z.B. nur ein Auto statt vier auf der Straße. Noch besser sind natürlich Öffis und Rad, sofern möglich.

Ich habe mein Auslandssemester damals übrigens in Tokio verbracht. Die Metropolregion Tokio hat über 37 Millionen Einwohner, das wäre wie fast halb Deutschland als eine Großstadt! Da kommst du mit Individualverkehr nicht weit. Da helfen nur Massentransportmittel, also Bahnen und Busse. Und die laufen, und wie! Bahnen sind mega-pünktlich, Verspätungen von einer Minute werden angesagt!

Was passiert, wenn eine Großstadt aber auf Individualverkehr statt Massentransportmittel setzt, zeigt Los Angeles, die Stadt der Staus. Wollen wir mal hoffen, dass es in Deutschland nich auch so endet.

Teile diesen Beitrag #sharingiscaring

Kategorie COSMO, Reisen, Unterwegs

6 Kommentare

  1. Wer sich sinnvoll mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in Bezug auf CarSharing beschäftigen will, der sollte zumindest auch auf die unterschiedlichen Formen dieser Mobilitätsvariante eingehen. So gibt es z.B. sogenannte „free-floating“-Angebote, also Fahrzeuge, die man irgendwo abstellt und die vom nächsten Nutzer dann per App geortet werden. Dieses Angebot wird oft als Alternative zum ÖPNV genutzt und sorgt damit nicht zur Verringerung des Verkehrs. Sinnvoll sind hingegen stationsbasierte Konzepte. Hier muss das Fahrzeug von einer festen Station abgeholt werden und auch wieder zu dieser zurückgebracht werden. One-Way-Fahrten sind hier also nicht möglich und da die komplette Zeit bis zur Rückgabe gezahlt werden muss, überlegt man es sich schon sehr kräftig, ob es nicht eine bessere Alternative zum Auto gibt. Somit führt diese CarSharing-Version zu einem deutlich bewussteren Umgang mit Mobilität und hilft Ressourcen zu sparen.
    Bei einer gründlichen Recherche hätte man eigentlich auf diesen Unterschied stoßen und auf die Auswirkungen der unterschiedlichen Konzepte eingehen müssen. Es gibt übrigens auch deutlich aktuellere Quellen als die im Text zitierten. Kleine Empfehlung: https://carsharing.de/sites/default/files/uploads/stars_wp4_t41_projektbericht_bcs_deutsch_final_1.pdf
    DISCLAIMER: Ich arbeite für einen CarSharinganbieter, favorisiere aber einen gut ausgebauten ÖPNV vor jeder Form des MIV (CarSharing eingeschlossen).

  2. Carsharing ist zu schlecht ausgebaugt. Wäre es jederzeit möglich, auf ein Auto –
    auch mal auf 5-Türer zum transportieren von Dingen – zurückzugreifen, könnten die Leute viel eher auf ein eigenes verzichten. Was dazu führen könnte, dass man denke ich trotzdem weniger Bequemlichkeitsfahrten macht als mit einem eigenen Auto. Obwohl wir ohne Auto in einer Großstadt wohnen, nutzen wir aus besagtem Grund kein Carsharing. Mit zwei Kindern gibt es da schon Situationen, in denen man ohne Auto echt aufgeschmissen ist (z.B. mit zwei fiebernden Kindern in strömendem Regen zum Kinderarzt fahren) und gebraucht kaufen ist für uns auch nur noch bei kleinen Dingen möglich. Möbel gehen jetzt auf einmal nicht mehr.
    Würde die Flotte nicht dauernd erneuert werden, wäre es auch deutlich weniger Müll bzw. Engerie- und Rohstoffverbrauch als wenn jeder sich seinen eigenen PKW kauft.

    • ausgebaut meine ich natürlich 😉

      Danke für die vielen Tips Shia, Du hast uns schon zu so vielem inspiriert!

    • Hallo Nadine,
      ich habe keinen Führerschein, deswegen habe ich neulich für den Transport gebrauchter Möbel das „Möbeltaxi“ genutzt. Kostet etwas, aber das wars mir wert (habe antiken Küchentisch von Freundin geschenkt bekommen)
      Vielleicht gibt es auch bei euch?
      Liebe Grüße Cat

  3. Hey Shia, ich mag deine Artikel – wirklich! Sie haben mir in vielen Bereichen weiter geholfen. Dazu erstmal ein großes Danke!

    Ich sehe einen positiven Aspekt beim Carsharing (nutze es im Mittel 2x/Monat), der hier nicht wirklich wiederspiegelt wird.
    Also ich fahre jeden Tag Öffis, nur als Selbstständiger ist Zeit ein Wertvolles Gut – und gerade wenn man akut Dinge braucht, dann ist Carsharing für mich Ideal. Eine Fahrgemeinschaft um INnerhalb der Stadt von A nach B zu kommen, hat sich noch nicht durchgesetzt.

    Wenn Öffis 3x mal so lange brauchen und man Dinge transportieren muss, die zu groß sind fürs Fahrrad, bleibt manchmal leider nur der Idealverkehr.

    Für mich ist Carsharing wie Taxi fahren, nur dass ich selbst fahre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.