Paris, eine Zero-Waste-Stadt?

Biocoop Dada in Paris, ein normaler Bioladen mit großen Unverpackt-Sortiment

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Woran denkt ihr eigentlich, wenn ihr Paris hört? Also, mir fällt da direkt der Eifelturm ein. Natürlich leckeres, feines Essen, der Louvre und sowieso auch die Architektur. Wenn aber Shia Su, unsere COSMO-Nachhaltigkeitsexpertin nach Paris fährt, hat sie ganz andere Sachen im Kopf! Sie möchte da nämlich direkt wissen: Wie sieht es in der Stadt der Liebe denn in Sachen Nachhaltigkeit aus?

Shia, was war denn dein Eindruck, wird Paris die nächste Nachhaltigkeitsmetropole oder doch eher Müllhauptstadt?

Naja, Müll gibt’s da auch wie bei uns auf der Straße 😉. Trotzdem: Ich hatte ja vorher schon viel Gutes über Frankreich gehört und dass sie da in vielen Dingen schon viel weiter sein sollen als wir in Deutschland und das Gefühl hatte sich zumindest in Paris auch bestätigt. Da gibt es z.B. schon seit 2015 kein BPA mehr in Verpackungen, die mit Lebensmittel in Kontakt kommen. BPA ist die Abkürzung von Bisphenol A, einem Stoff, der gängigerweise in Plastik ist und über Hautkontakt vom Körper aufgenommen werden kann. Dort kann er dann unseren Hormonhaushalt durcheinander bringen. In Frankreich ist das Bewusstsein für die Problematik von BPA viel größer. Was hierzulande wenig bekannt ist, ist, dass Kassenbons – also genauer gesagt das Thermopapier vom Kassenzettel – BPA beschichtet sind!

Ah, ich erinnere mich! Über die Kassenbons hatten wir ja auch schon mal zusammen hier in COSMO gesprochen. Da war ja sogar viel mehr BPA drauf als in Plastik! Wenn ich mich recht erinnere sollten Kassenbons deswegen am besten nicht in den Papiermüll, oder wie war das noch mal?

Ja, genau! Das Denn im Papiermüll kontaminieren sie alles, was daraus hinterher hergestellt wird. Also dann doch besser in den Restmüll. Einige Umweltschützer bezeichnen Kassenbons ja sogar als Sondermüll. Das Witzige ist: Ich werde hier ja selbst in Bioläden doof angeguckt, wenn ich frage, ob ihre Bons nicht vielleicht BPA-frei sind. In Frankreich scheinen BPA-freie Bons zumindest in Bioläden aber Standard zu sein!

Shia, du lebst ja Zero Waste, also annähernd müllfrei. Ging das denn da auch? Oder bist du im eigenen Müll untergegangen?

Nee, das ging da super! In Paris gibt es nämlich eine große und sehr aktive Zero-Waste-Community. Wie auch bei uns im deutschsprachigen Raum haben in Frankreich in den letzten vier Jahren viele Unverpackt-Läden aufgemacht. Aber noch mehr als bei uns haben da die Bioläden mit gut sortierten Unverpackt-Abteilungen aufgerüstet.

La Vie Claire, ebenfalls ein Bioladen mit gut sortierter Unverpackt-Abteilung

Und obwohl mein Schulfranzösisch nicht mal für irgendeinen auch nur ansatzmäßig geraden Satz mehr gereicht hat, lief in Paris alles total unkompliziert und routiniert ab, als ich mit meinen eigenen Beuteln voller Müsli und Nudeln an der Kasse bezahlen wollte. Und wo auch immer ich meine Brotdose hochgehalten habe hat man direkt verstanden, was ich wollte und mir wurde immer alles da komplett anstandslos reingepackt.

Das war jetzt in, ich sag mal, “normalen” Läden oder in Unverpackt-Läden?

Nee nee, das war jetzt in normalen Bäckereien, Cafés, Restaurants und Bioläden. Ich wäre gerne da in den Unverpackt-Laden auch gegangen, hab’s aber zeitlich einfach nicht geschafft. Dafür war ich aber beim “Maison de Zéro Déchet”, also dem “Zero Waste Haus.”

La Maison de Zéro Déchet, das „Zero Waste Haus“

Das ist ein Laden, der viel non-food Zero-Waste-Equipment verkauft. Da kann man sich von hochspezialisierten Sachen wie ultra modernen Stoffwindel-Systemen und wiederverwendbaren Stilleinlagen bis zur einfachen Trinkflasche komplett ausstatten. Aber es ist viel mehr als einfach nur ein Geschäft. Es ist nämlich ein Zero-Waste-Treffpunkt und dazu noch ein kleines Veranstaltungszentrum, wo es um Aufklärung geht. Da kann man sich rund um Zero Waste, zirkuläre Wirtschaft oder eben auch Sachen wie selber kompostieren schlau machen. Und das Motto, das da an der Wand hing, war auch einfach nur süß: Make Love, not Waste!

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Kategorie COSMO, Reisen

4 Kommentare

  1. Meine Erfahrungen aus Paris stimmen leider nicht mit den deinigen überein.
    Ich bin leider selbst noch sehr weit weg von Zero Waste, versuche aber immer mehr zu integrieren. Gerade der unglaublich viele Müll in Paris hat mich dazu gebracht, mich in diese Richtung weiter zu entwickeln. An dieser Stelle vielen Dank an dich für die vielen Inspirationen! Ich habe vor Paris die letzten Jahre in Deutschland auf dem Dorf gelebt.
    Der Müll von Paris hat mich erst mal wirklich geschockt. Das mit den Unverpacktläden ist alles zutreffend, aber die Preise sind leider teilweise sehr hoch – und das bei Produkten, die noch nicht mal immer Bio sind (z.B. Day by Day ist ein unverpackt Laden und hat Bio und Nichtbio Ware.) Wohnraum ist hier SEHR teuer, so dass sich viele Menschen den Preis der unverpackt Läden nicht leisten können – wo Lebensmittel generell teurer sind, hier in Paris. Im Alltag ist da meiner Meinung nach noch zu wenig angekommen. Da werden Zigaretten locker auf die Straße gekippt, oder gleich in den Abfluss, obwohl man in ein Gebäude rein geht und es dort in den Müll entsorgen könnte. Hundekot einfach auf der Straße liegengelassen etc. Am meisten schockiert haben mich die vielen „Restaurant-Lokale“, wo man sich Mittagessen kaufen kann – in Plastikverpackung. Selbst wenn man sich in den entsprechenden „Restaurant-Lokale“ setzt, also das Essen gar nicht „to go“ haben möchte. Kleine Lokale haben häufig Sitzgelegenheiten, aber so wie’s aussieht keine Abwaschmöglichkeiten – so kriegt man dann Pappbecher, Plastikbesteck etc. Seitdem gehe meist mit meinem „Zero Waste Survival Kit“ in die Stadt: Serviette, Besteck, Stäbchen, Kaffeebecher (wenn ich mir keine Bentobox gepackt habe).
    Auch bei Veranstaltungen wimmelt es ständig nur von Plastikförmchen. Für viele Privatparties wird auch auf Caterer zurückgegriffen (zumindest dorf wo ich eingeladen werde). Als ich bei meinem Caterer darauf bestand keine Plastikbehälter zu benutzen, war das Erstaunen seinerseits erst mal sehr groß, er fand meine Erklärungen dann aber schlüssig. Ob er das zukünftig einfließen lässt weiß ich nicht. Das hat jetzt nicht sehr viel mit Zero Waste zu tun, mehr mit Nachhaltigkeit allgemein: Die öffentlichen Verkehrsmittel – wenn man etwas außerhalb von Paris wohnt – sind leider nicht sehr zuverlässig. Dafür funktioniert das mit den Elektroautos hier sehr gut. Leider kommt der Strom meist aus dem Kernkraftwerk. Die Häuser sind hier von der Isolation her jämmerlich. Bestimmt gibt es auch hier gut isolierte Häuser, aber ich war noch in keinem. Wir ballern jetzt mal locker pro Winter 6x so viel raus, wie wir in Deutschland verbraucht haben. Wo es in unserem Neubaugebiet von Solaranlage, Photovoltaik etc. nur so wimmelte, ist das hier leider immer noch die absolute Ausnahe – auch in den Quartieren, wo die Menschen leben, die eigentlich genug Geld für sowas haben.
    Ich hoffe, dass sich diesbezüglich in den nächsten Jahren noch mehr ändern wird. Einige Veränderungen werden ja bis 2020 angestrebt.

  2. Cornelia

    Hallo Shia, also ganz so rosig ist der französische zero-waste-Alltag in Frankreich leider nicht. So gibt es z. B. keinerlei Pfandsystem auf Flaschen oder sonstige Verpackungen. Milch und Joghurt gibt es immer nur in Plastikflaschen bzw. – bechern (auch im Bioladen). Auch lose sind solche Produkte nicht zu bekommen. Um Reinigungsprodukte selbst abfüllen zu können , muss erst eine Originalflasche gekauft werden. Auch müssen die Etiketten unbedingt drauf bleiben. Nur so darf eine mitgebrachte Verpackung wieder verwendet werden für haargenau das gleiche Produkt. Unverpackte Produkte gibt es oft nur in den Filialen von Biocoop, andere Bioläden sind dafür selten zu begeistern. Auch gibt es große Unterschiede zwischen Paris bzw. anderen großen Städten, in kleineren Orten sucht mensch oft vergeblich. Toll ist hingegen, dass viele Händler inzwischen meistens problemlos mitgebrachte Behältnisse befüllen. Auch auf dem Markt gibt es keine Schwierigkeiten.
    Als gebürtige Osnabrückerin lebe ich jetzt seit über 30 Jahren in Frankreich. Es ist spannend, wie und wie unterschiedlich sich beide Länder (D und F) in Sachen Ökologie, zero waste und Minimalismus weiterentwickeln. Herzliche Grüße, salut

  3. Ich habe jetzt schon ein paar Mal auf der WDR Seite gesucht, aber kann es nicht finden. Nur deinen Beitrag gibt es nicht irgendwo als Podcast oder?

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