Macht Urlaub eigentlich Sinn? Oder: Ein kleines Plädoyer für Entschleunigung

Jeden Sonntag gibt es um 15:30 Uhr bei COSMO-Radio von mir etwas zu Nachhaltigkeit auf die Ohren! COSMO ist das internationale und interkulturelle Hörfunkprogramm und eine gemeinschaftliche Produktion von den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR, Radio Bremen und Rundfunk Berlin-Brandendenburg.

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Es ist noch Ferienzeit in einigen Bundesländern und das heißt: verreisen. Häufig mit dem Flugzeug wegfliegen oder mit dem Auto in der Weltgeschichte rumgurken… Und das ist ja – nicht mal wenn man es sehr wohlwollend betrachtet – auch nur ansatzweise nachhaltig. Da hab ich mich doch gefragt, wie es so unsere COSMO-Nachhaltigkeitsexpertin Shia Su macht, wenn sie Urlaub machen will.

Shia, machst du eigentlich auch Urlaub oder ist dir das nicht nachhaltig genug?

Ja, aber eigentlich nur, wenn sich das aus einem anderen Anlass ergibt. Also mal was an einen beruflichen Trip anhängen und so. Das hat bei mir auch mit Nachhaltigkeit zu tun, aber nicht nur. Irgendwie macht es mich nämlich einfach nicht so an, mich das ganze Jahr über gefühlt zu Tode zu schuften und dann einmal im Jahr abzuhauen, um mich so weit weg wie möglich von dem Stress zu erholen. Hab ich natürlich auch schon gemacht, aber ehrlich gesagt war das alles irgendwie unbefriedigend. Wenn im ersehnten Urlaub dann irgendwas schief läuft bin ich das ganze nächste Jahr noch ungenießbar. Nee, nee. Ich möchte lieber ein entspanntes Jahr, statt 50 Wochen Stress und 2 Wochen Flucht. Ist einfach nicht so mein Konzept.

Shia, das ganze Jahr entspannt… fällt das unter das Schlagwort: Entschleunigung?

Ja, auf jeden Fall. Ich muss leider zugeben, dass ich leider das Gegenteil von entspannt bin… : ich bin nämlich ein Workoholic, vor allem, seitdem ich mich selbstständig gemacht habe. Drei Jahre lang bin ich nicht in Urlaub gefahren, weil ich der Meinung war, sieben Tage die Woche immer voll durchpowern zu müssen. Dann kam der London”urlaub”, wohin ich natürlich mit der Bahn gefahren bin. Und statt den zu genießen habe ich jeden Tag trotzdem 4-6 Stunden gearbeitet, sieben Tage die Woche. Ja, nicht so klug.

Wenige Monate später kam dann das Burnout. Seitdem arbeite ich daran, mein Leben zu entschleunigen und mir fällt immer mehr auf, wie nicht nur ich, sondern auch eigentlich fast alle anderen um mich herum dauergestresst sind, irgendwas ist ja immer auf Arbeit. Andauernd heißt es: “Ich bin urlaubsreif.” Das kann doch auf Dauer für niemanden gesund sein.

Wie kann man das hinbekommen, dass der Alltag entschleunigt ist, ich also im Grunde keinen Urlaub mehr als Kompensation für den Stress brauche?

Da gibt es schon so einige Strategien, aber auch bei mir ist es so, dass das efektiv “Work in progress” ist. Am wichtigsten ist es, finde ich zumindest, seine Prioritäten klar zu bekommen. Und da ist meine Nummer 1: die eigene Gesundheit und das eigene Wohlergehen. Ist leider auch das Schwerste, für mich auf jeden Fall. Für mich total gut funktionierende Stellschrauben sind regelmäßig Sport zu machen und zu meditieren. Mir hilft es auch, alltägliche Dinge zu machen, wie sich um den Haushalt zu kümmern. Zu kochen und die Wohnung ordentlich zu halten. Das gibt mir das Gefühl, dass nicht alles auseinander fällt. Leider sind das auch die Dinge, die bei Stress als erstes unter den Tisch fallen. Tja, da wären wir wieder bei den Prioritäten.

Nun scheint es sehr erstrebenswert, einfach jeden Tag glücklich und zufrieden zu sein – möglichst ohne dass es langweilig wird… Aber einfach so die grundsätzliche Ausrichtung. Aber wie du auch sagst, ist das nicht immer so einfach und auch du bist noch nicht an dem Punkt angekommen, wo das weitgehend klappt. Also braucht man manchmal auf dem Weg dahin ja vielleicht doch mal eine Auszeit, um sich zu sortieren. Was empfiehlst du da denn?

Ich persönlich denke ja, dass man nicht immer weit weit weg muss, um sich zu erholen oder tolle Erlebnisse zu haben. Also weniger ist mehr in Sachen Fernreisen. Und in die weite Welt kommt man ja auch anders, wie z.B. durch ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr, Auslandssemester, Praktikum, Work & Travel, ein Sabatical… Das erlebt man sicherlich auch intensiver als wenn man dieses Jahr Südostasien in 10 Tagen macht und nächstes Jahr Quer durch die USA in zwei Wochen und das Jahr darauf in die Malediven fliegt.

Ich muss sagen, dass ich denke, dass Fernreisen auch viel zu sehr romantisiert werden. Die Realität während der Reise ist meistens viel weniger glamourös, als das, was man auf Social Media postet. Die Wahrheit ist, dass Fernreisen verdammt stressig sind, der zusammengepferchte Flug, Jetlag, man spricht die Sprache nicht, das Essen bekommt einen nicht usw… Wenn’s also wirklich ums Entspannen geht, ist es realistischerweise eigentlich deutlich stressfreier, mal zu gucken, was man nicht vor der eigenen Haustür erkunden kann.

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Kategorie COSMO, Dossier, Reisen

1 Kommentare

  1. Ein sehr schöner und wahrheitshaltiger Artikel. 🙂 Warum in die Ferne schweifen, wenn das gute liegt so nah?
    Ich habe das Gefühl das Fernreisen auch eine Art Statussymbol sind, um so mehr Flüge und um so dreckiger um so besser. Das schlechte Gewissen wird dadurch beruhigt dass man ja einen Baumwollbeutel mit zum Einkaufen nimmt und seinen Müll trennt. Ich habe durchaus Verständnis dafür wenn man die Welt sehen will, aber dies sollte aber der Umwelt zu liebe wohldosiert geschehen. Lieber alle paar Jahre eine ausgedehnte und schöne längere Fernreise (mit Ausgleich der CO2-Emissionen!), und sich ansonsten mal anschauen was es bei einem schönes in der Nähe gibt. Eine Kollegin von mir ist ausgesprochene Deutschland-Freundin, sie schwärmt immer von ihren Reisen in den Harz, nach Bayern und an die See. Ich glaube nicht dass ihre Urlaube weniger schön sind als von den Fernreisen-Fans mit Baumwollbeuteltendenz.
    Ich bin dieses Jahr mal ein bisschen vorbildlich und verbringe meinen Urlaub recht dicht dran an meiner Heimatstadt Hamburg. Im Sommer war ich zwei Wochen auf Hiddensee, einer bezaubernden Insel nahe Rügen die autofrei, wenn auch etwas zero-waste-beschränkt ist. Denn natürlich habe ich den Laden mit Milch in der Pfandflasche und Butter in Pergamentpapier erst am letzten Tag entdeckt! Diese Insel erreicht man auch prima per Bahn und Fähre, Fahrräder kann man billig mieten. Ich empfehle den Juni, da macht noch keiner Urlaub da, die Preise sind noch zu ertragen und die Insel ist schön leer.
    Weiterhin bin ich ein großer Dänemark-Fan. Dieses wunderbare Land liegt für uns Norddeutsche praktisch direkt vor der Haustür. Man ist im Ausland, und trotzdem ist man nicht weit weg von zuhause. Kulturell und von der Natur her hat Dänemark viel zu bieten.
    Mein Freund hat übrigens vor dreissig Jahren mehrere Fahrrad-Reisen mit seinen Freunden unternommen. Obwohl es schon so lange her ist schwärmt er heute noch davon was er alles gesehen und erlebt hat. Er war mit dem Fahrrad in Frankreich, England (wobei da wohl noch die Bahn ihre Finger im Spiel hatte) und ich meine auch in Belgien. Geschlafen wurde wo es sich angeboten hat, gegessen und getrunken wurde was da ist, und sie haben auch häufiger mal wilde Minze für Tee an Bächen geerntet.
    Liebe Grüße,
    Dorothea

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