Buchtipp: Hannah Arendt ‚Vita Activa‘ – aus der Perspektive von Zero Waste #FoodForThoughtFriday

Hannah Arendts „Vita activa“ wurde vor 60 Jahren geschrieben – in einer Welt die noch lange nicht so voll von Fast Fashion und kurzlebigen Überflussprodukten war wie heute. Dennoch sah Arendt damals schon die Entwicklung zu einer „waste economy,“ obwohl sich das Ausmaß unserer Überflussgesellschaft bestenfalls erahnen ließ. Auch heute hat ihre Analyse nicht an Aktualität verloren.

Kürzlich habe ich ein Buch zum zweiten Mal gelesen, das mir zuerst zu Uni-Zeiten über den Weg gelaufen ist: Hannah Arendts Vita activa oder vom tätigen Leben. Und dieses Mal hab ich’s sogar genau gelesen 😉.

Hannah Arendt, Vita Activa oder vom tätigen Leben (München: Pieper, 2002, 496 Seiten, ISBN 9783492236232*). Hier zitiert nach deutscher Erstausgabe, Stuttgart: Kohlhammer, 1960 [org. 1958 als The Human Condition]).
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Eigentlich mag ich es, Texte noch einmal zu lesen. Vor allem, wenn einige Zeit vergangen ist. Aber einige Bücher sind einfach zu gut, als dass sie nur einmal gelesen werden sollten – man entdeckt jedes Mal interessante Perspektiven. Manchmal lasse ich mich also gerne von den altbekannten Büchern fangen.

Vor allem aber bekomme ich dadurch ein besseres Gefühl dafür, was in der Zwischenzeit mit mir und meinem Leben alles so passiert ist.

Weil ich in letzter Zeit viel über Zero Waste und Nachhaltigkeit nachdenke, sind mir beim Lesen Dinge aufgefallen, die ich eigentlich gar nicht erwartet hätte. Das Buch ist von 1958 und das ganze Ausmaß der Überflussgesellschaft von heute konnte man damals bestenfalls erahnen. Aus meiner Erinnerung, habe ich etwas zur Kritik von Kapitalismus und Produktionsbedingungen erwartet, aber eher weniger zu Verschwendung und Überfluss.

Waste Economy: Wie ist es dazu nur gekommen?

Arendt kommt zu dem Schluss, dass

„die modern Wirtschaft notwendigerweise sich in Richtung einer ‚waste economy‘ einer auf Vergeudung beruhenden Wirtschaft, entwickelt, die jeden Gegenstand als Auschußware behandelt und die Dinge fast so schnell, wie sie in der Welt erscheinen, auch wieder aufbraucht und wegwirft“ (Vita Activa, 122)

Dieser Text wurde vor 60 Jahren geschrieben – in einer Welt, die noch lange nicht so voll von Fast Fashion und kurzlebigen Überflussprodukten war wie heute.

Wie ist es nur dazu gekommen? Auf dem Rücken von Arendts berühmter Unterscheidung von Arbeit (labor) und Herstellen (work) führt sie außerdem die Unterscheidung von Verbrauchs- und Gebrauchsgegenständen ein.

Close up of plastic waste

Diese Art von Müll gab es früher nicht: Einwegflaschen, Plastiktüten, Einweggeschirr… Was früher Gebrauchsgegenstand war ist heute oftmals ein Verbrauchsgegenstand…

Verbrauchsgegenstände sind das Produkt körperlicher Arbeit, wie zum Beispiel Gemüse und Obst. Die Früchte der Arbeit sozusagen 😉. Das alles verdirbt relativ schnell. Das heißt, egal ob wir es verbrauchen oder nicht, wir müssen immer tätig werden neue Verbrauchsgegenstände zu produzieren.

Gebrauchsgegenstände jedoch sind Produkte des Handwerks, des Werkens mit den Händen. Sie sind langlebiger. Idealerweise brauchen wir nur einen Tisch oder eine gusseiserne Pfanne in unserem ganzen Leben. Manchmal sind das sogar heißbegehrte Erbstücke!

In einer Wirtschaft, die auf immer weiteres Wachstum zugeschnitten ist, wird das aber zum Problem.

Selbst wenn alle genug Pfannen, Tische und Klamotten haben und wenn immer mehr Pfannen, Tische und Klamotten produziert werden sollen – wie sollen die alle verkauft werden? Wie können langlebige Gebrauchsgegenstände vergänglich gemacht werden? Dies nennt sich auch geplante Obsoleszenz, die absichtliche Verringerung der Lebensdauer von Produkten.

Mode und geplante Obsoleszenz

Und hier kommt Mode und ihre Übersteigerung Fast Fashion ins Spiel.

Fast Fashion – schnell gekauft, schnell aussortiert.

In der Wachstumsgesellschaft muss ständig sichergestellt sein, dass alle Produkte rechtzeitig entwertet werden, indem eigentlich langlebige Produkte zu vergänglichen gemacht werden.

Der Pulli ist noch gut, zweimal getragen, aber letztjährige Mode. Weg damit. Nutzlos. Laut Arendt fangen wir somit an,

„mit Gebrauchsgegenständen so umzugehen, als seien sie Konsumgüter, bzw. das Gebrauchen überhaupt in ein Verbrauchen umzuwandeln, so daß nun ein Stuhl oder ein Tisch so schnell verbraucht wird wie einst ein Kleid oder ein Schuh, während ein Kleid oder ein Schuh möglichst nicht viel länger in der Welt gelassen und ähnlich ‚konsumiert‘ wird wie ausgesprochene Konsumgüter.“ (Vita Activa, 113)

Materiell bleiben natürlich alle diese Als-Ob-Verbrauchswaren langlebig. So wie die Unmengen an Plastik im Meer nicht einfach verschwinden, nur weil wir entscheiden, sie als wertlos betrachten.

Auf Wachstum geeicht denken wir einfach nicht genug an das natürliche Gegenstück: Verfall.

Das weggeworfene Plastik verschwindet vielleicht aus unserem unmittelbaren Leben, es bleibt aber auf unserem Planeten – und es wird in Form von Mikroplastik ganz sicher seinen Weg zurück in unser Leben finden.

Fürs Wegwerfen produziert

Diese Behandlung der Waren passt genau – so Arendt weiter – zur Art wie wir sie produzieren. Seit der industriellen Revolution und dem Ideal der Arbeitsteilung ist die Herstellung von Tischen, Pfannen und Kleidung kein Handwerk mehr. Das handwerkliche Herstellen ist durch jene stupiden Kleinstaufgaben ersetzt, die längst nur deswegen noch aufrechterhalten werden, weil sie nötig geworden sind, um die Maschinen und die Massenproduktion am Laufen zu halten.

Einwegsachen wie Coffee-to-go-Becher, Plastikbesteck, Einweg-Becher, Verpackung, oder auch Papiertaschentücher sind darauf angelegt, nach einmaliger Benutzung zu Müll zu werden.

Die Entwertung der Anstrengungen der Herstellung entwertet das Produkt. Die Arbeitsteilung gibt uns scheinbar die Genehmigung Möbel und Kleidung wie Dreck wegzuwerfen. Und alles nur weil wir sie nicht mehr besitzen wollen (Übrigens ist auch das Lagern für einen möglichen späteren Gebrauch keine Lösung und ist nur eine teure Hinauszögerung).

Auf der Erde zu Hause

Wenn wir uns in der Gewöhnung an die gebrauchten Dinge zu Hause fühlen  – so fragt Arendt weiter – wie können wir dann „auf der Erde wohnen“, wo doch alle Dinge unseres Lebens zwischen wertlosem Wegwerfzeugs kontinuierlich ausgetauscht werden? Allzu gerne vergessen wir, dass wir für all diese so acht- und gedankenlos weggeworfenen Dinge Material benötigen.

„Material muß erst einmal gewonnen werden, seiner natürlichen Umgebung entrissen, und mit der Gewinnung von Material greift der Mensch in den Haushalt der Natur ein, indem er entweder ein Lebendiges zerstört – einen Baum fällt, um Holz zu gewinnen – oder einen der langsameren Naturprozesse unterbricht, wenn er das Eisen, den Stein, den Marmor aus dem Schoß der Erde bricht.“ (Vita Activa, 127)

Anstatt auf der Erde zu Hause zu sein, führen wir uns – so Arendt weiter – als „Herr und Meister der gesamten Erde“ auf. Derselben Erde, die wir dadurch zerstören. Jede Herstellung eines Gebrauchsgegenstandes gelingt nur, wenn gleichzeitig „Natur zerstört“ wird.

Die erneute Beschäftigung mit Arendt zeigt zumindest, dass kapitalistische Tun und Machen uns schon lange auf die heutigen Strategien der Fast Fashion und geplanten Obsoleszenz vorbereitet haben.

Ich hoffe, dass einiges hiervon für euch interessant ist. Lasst mich auf jeden Fall wissen, ob ihr denkt, dass durch meine Beobachtungen einfach nur mein Spezialinteresse an Zero Waste und nachhaltigem Leben spricht.

Kategorie #FoodForThoughtFriday, Artikel, Buchtipps

12 Kommentare

  1. Ja also was das BLG betrifft, bin ich sehr skeptisch. Mein Hauptproblem dabei ist folgende Frage: Nehmen wir an, jeder erhält 1000 Euro. Bedingungslos. Hat das nicht automatisch zur Folge, dass die Mieten für Wohnungen mit Mindesstandard (schlechte Lage, klein, schlechte Qualität…) auf 700 oder 800 Euro kletter? Und wenn das BLG 1500 wäre, dann kostet eine Bruchbude ab sofort 1200.

    Wognungen in Ballungseäumen sind Mangelware und absolut lebensotwendig. weil kaum ersetzbar. (Sogar WGs oder Kommunen nutzen Wohnungen. Allerdings anders) . In einer Marktwirtschaft werden sie somit in Windeseile teurer werden, sobald alle mehr Geld haben. Der Wohnungspreis definiert sich ja über die zur Verfügung stehende Geldmenge nicht über den realen Wert.

    In meinem Blog gibts auf https://www.raphael-bolius.com/webdesignblog/das-bedingungslose-grundeinkommen-blg/ noch mehr Gedanken dazu. Bin schon ganz gespannt, wie sich das in Finnland entwickelt. Das ist ja das ersteMal, dass das BLG im großen Stil getestet wird. Nach 2-3 Jahren wissen wir sicher mehr.

    • Hi Hanno, sorr,y mein Kommentar von vorhin war eingtlich als Antwort auf deinen Kommentar zum Grundeinkommen gedacht. Ohne dem Zusammenhang ist er irgendwie deplatziert… Vielleicht kannst du ihn an die richtige Stelle verschieben, als Mod. müsste das ja machbar sein. 😉 Danke!

  2. Mein aktueller Buchtipp, der viel mit Zero Waste zu tun hat: Arun Gandhi: „Wut ist ein Geschenk: Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi“. Ich fand das Buch in vielerlei Hinsicht inspirierend, z.B. was Verschwendung mit Gewalt zu tun hat anhand des Beispiels eines weggeworfenen Bleistiftstummels… Mahatma Gandhi aus der Perspektive seines Enkels.

  3. Interessanter Artikel, ich mag als Webdesigner hier auch noch meinen Senf dazu geben. 😉 Die von Hannah Arendt beschriebenen Probleme sind ja nicht zu leugnen. Interessant ist aber, dass der Trend, dass die Produktion immer mehr ausufert und Gebrauchsgegenstände immer mehr zu Verbrauchsgegenständen werden, nicht vor „physisch realen Gegenständen“ halt macht.

    Seit einigen Jahren lautet der Trend, dass immer mehr Produktion ins Web verlagert wird. Das erscheint auf den ersten Blick gut, denn während eine „reale“ Zeitung z. B. das Abholzen eines Baums voraussetzt, um die Zeitung produzieren zu können, benötigt die digitale Ausgabe der selben Zeitung keine zusätzlichen Ressourcen. (Um es einfacher zu halten, klammere ich mal den Ressourcenverbrauch bei der Herstellung eines Computers aus. Sobald jeder einen Rechner hat, stimmt die Annahme, dass jedes Exemplar der digitalen Zeitung nur unwesentlich mehr Ressourcen benötigt. )

    OK, jetzt wird also vieles, was früher analog passierte, digital abgewickelt. Statt aber dadurch Ressourcen zu sparen, wird die Produktion einfach ins Unendliche getrieben, weil sie ja „gratis“ ist. Anstatt jetzt eine, zwei oder 100 Zeitungen digital zur Verfügung zu stellen, oder auch Blogs oder Foren in denen man ernsthaft diskutieren kann zu ermöglichen, gibt es plötzlich „Soziale Netzwerke“ wie Facebook oder Twitter, in denen quasi rund um die Uhr und ohne irgendeiner Hemmschwelle digitaler Müll produziert wird.

    Kaum ist ein Post raus in Facebook wird er bereits von drei anderen ersetzt, die Timeline ist voll, die neuen Artikel stehen Schlange. Keiner liest mehr irgendwas ernsthaft sondern jeder versucht ein winziges Stück vom digitalen Informationsoverkill mitzunehmen. Jeder Post ist wenige Tage nach der Veröffentlichung bereits veraltet und es muss daher ohne Ende neu produziert werden. Und um das Ganze noch mehr zu pervertieren, bestimmt der Algoritmus von Facebook, was den einzelnen Usern vorgesetzt wird, weil ja keiner mehr mit der laufenden Produktion an Inhalten mitkommt. Dem Algo bzw. den Entscheidern hinter dem Algo wird also eine unheimliche, demokratisch nicht kontrollierte Macht, eingeräumt.

    In dem Zusammenhang ist ein weiteres Buch sehr interessant: „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman. Das war ein Bestseller in den 80ern, Neil Postman geht in dem Buch auf die verheerende Wirkung des Fernsehens auf unsere Kultur ein. Z. B. zeigt er sehr anschaulich wie sich die politische Diskussion im Laufe von ca. 100 Jahren aufgrund der Medienlandschaft verändert hat. Er beschreibt im Buch Diskussionen im 19. Jht. in den USA an, bei denen jeder Teilnehmer in einem Grundsatzreferat über eine Stunde oder länger seine Position darlegen durfte (!), danach gab es eine Essenspause und danach begann erst die eigentliche Diskussion.

    Der im Artikel beschriebene Trend setzt sich also nahtlos von der „realen“ in die „digitale“ Produktion fort und wir alle haben immer mehr, ohne es nutzen zu können.

    • Ja, das mit dem Konsum ist so eine Sache.. Schau mal hier! Kaum ist der Post oben über Gebrauchs- und Verbrauchsgegenstände raus, ist er auch schon wieder veraltet, ja sogar schal. Deswegen habe ich ihn direkt schon durch den nächsten über Grünen Konsum ersetzt 😉 .. Just kidding. Im Ernst: Es ist uns allen wenig geholfen, wenn wir Konsum schlicht durch grünen Konsum ersetzen, aber gleichzeitig unseren ganzen Verbrauch und Durchlauf an Waren immer weiter hochschrauben. LG

  4. Hallo Hanno, schön auch mal was von dir zu lesen! Die Analyse aus den 50er Jahren ist unglaublich treffend übst es macht mich traurig, das die Entwicklung dennoch genau so eingetreten ist. Ich hoffe alle Bemühungen in Richtung Minimalismus, Zero Waste, Umwelt- und Tierschutz etc. werden von immer mehr Menschen mitgetragen um unsere Erde zu schützen. Besonders die fortschreitende Industrialisierung der „Entwicklungsländer“ bereitet mir aber extreme Sorgen. Was wenn die auch alle erst den Weg über den Konsumwahn nehmen und genauso viel Müll und Schadstoffe raus pusten wie die „entwickelten Länder“? Oh man, dann wird’s düster…
    Aber super dass es so engagierte Menschen wie dich und Shia gibt, die Probleme ansprechen und Lösungen bieten! Danke
    LG Petra

    • Hi Petra, um mich zu motivieren, rede ich mir ein, dass es wohl noch schlimmer wäre, wenn nicht so viele Leute über die letzten Jahrzehnte hinweg sich so engagiert hätten. Ich denke nach wie vor, das wir in den Industrieländern heute hier das zentrale Problem sind und auch wohl noch ne Weile bleiben mit all dem gedankenlosen Gekaufe und Gefahre. Und das ist das reale Problem, was wir schon sehen können – das andere ist erstmal noch hypothetisch. Mein eigener Fußabdruck ist mir immer noch zu groß. Andersherum betrachtet können es sich die Länder, die im Zuge von Imperialismus und Globalisierung in die Armut gedrückt wurden, irgendwie vermutlich gar nicht leisten, so ineffizient mit den Ressourcen umzugehen wie es europäische und nordamerikanische Wirtschaftssysteme über Jahrzehnte gemacht haben (und noch machen).
      LG Hanno

  5. Hey. Toller Post. Es ist wirklich erstaunlich, dass schon in den 60er Jahren jemand so deutlich erkannt hat zu welchen Problem die Kosumgesellschaft führen wird. Ich finde, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, fallen einem oft an Stelle Parallelen oder die Themen selbst auf, an denen man sie gar nicht erwartet hat. Finde ich sehr spannend.
    Vg

    • Hey Christine, das freut mich. Ich war auch ganz erstaunt und bin dann beim Lesen immer hellhöriger geworden 😉

  6. Supper!
    Ist gut beschrieben.
    Jeder will Arbeit und mann broduziert immer mehr Müll.
    Mann sollte mal das Grundeinkommen einführen, würde sagen sonst gibts immer noch mehr Seich auf der Erde.

    • Ja, ich bin auch schon ganz gespannt wie das in Finnland mit dem Grundeinkommenstest weitergeht.. Guck doch sonst einmal bei mein-grundeinkommen.de rein.

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