Die Auswirkungen von Kreuzfahrtschiffen auf Meeresbewohner: Interview mit Lucy von Zero Hero Movement

©zeroheromovement.co.uk

Lucy hat 2015 ihren Abschluss in Meeresbiologie gemacht und seitdem hat sie sich um Erfahrungen bemüht, die es ihr ermöglichen, die Umwelt unter dem Meeresspiegel besser kennenzulernen. Dazu gehörte unter anderem, dass sie als Meeresbiologin auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet hat, um Daten zu sammeln. Ihrem Zero-Waste-Alltag könnt ihr auf ihrem Instagram-Account @zero_hero_movement folgen. Auf ihrem Blog The Zero Hero Movement gibt es Artikel, die zum Nachdenken anregen.

Lucy habe ich kennenlernen dürfen, als ich vor einiger Zeit in meiner Insta-Story ein Video von einem vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiff postete. Hanno und ich sind ja gerade für ein Jahr in Kanada, genauer gesagt in Vancouver.

Vancouver ist eine Küstenstadt am Pazifik, wo man mit ein bisschen Glück Robben an den Innenstadt-Stränden sieht. Mit ganz viel Glück kann man sogar von der Küste aus Wale im Wasser entdecken! Das ist schon wirklich etwas ganz, ganz Besonderes. Dem riesengroßen Kreuzfahrtschiff, das auf unserem Spaziergang an uns vorbei fuhr, war all das aber egal, denn auf dessen Programmpunkt stand Partymachen mit lauter Musik. Wir waren nicht mal auf dem Schiff, und dennoch klang es so, als ob wir selber auf der Tanzfläche stünden!

Ich war schockiert und wirklich sauer. Viele der Meeresbewohner nutzen Echoortung, sprich, sie nutzen zur Orientierung Schallwellen. Wie soll das denn mit dieser lauten, basslastigen Musik gehen? Lucy antwortete auf mein Video und wir haben uns lange über die Probleme von Kreuzfahrtschiffen unterhalten.

Lucy, erzähl doch mal, wie du zu Zero Waste kamst 😊!

Man kann wohl sagen, dass ich schon immer recht umweltbewusst war. Ich fand schon immer, dass die Natur einen enormen Wert hatte und schon von klein auf wollte ich lernen, wie ich ihr am besten helfen konnte. Bevor ich wieder zurück zur Uni ging, um dort die Schulbank zu drücken, hatte ich in der Abfallwirtschaft gearbeitet, wo ich Managerin eines Teams war, das geschlossene Recycling-Kreislauf-Systeme für Firmen anbot. Das hat mein Interesse an unserem Konsumverhalten als Spezies geweckt. Ich begann, mich zu fragen, wo eigentlich unser ganzer Müll landet.

Mit Mitte 20 beschloss ich, wieder studieren zu gehen, dieses Mal aber Meeresbiologie. Am Ende war es eine Kombination aus diesen beiden Dingen, die bei mir zur Erkenntnis führten, dass Müllvermeidung der einzige Weg ist, um zu verhindern, dass schädliches Plastik weiter in der Umwelt landet. Auf Zero Waste abzuzielen ist die einzige realistische Alternative, die wir haben, wenn wir diesen Planeten vor der zunehmenden Plastikverschmutzung bewahren wollen. Mit steigender Nachfrage nach einem Zero-Waste-Lebensstil können wir die globale Wirtschaft zum Besseren wenden.

Ich finde ja den Namen deines Blogs “Zero Hero Movement” klasse! Er ist so positiv und ich bewundere als Eigenbrödlerin natürlich den sozialen Aspekt darin ganz besonders. Worum geht es in deinem Blog und deinem Instagram?

Mit dem Namen „Zero Hero Movement“ möchte ich Leute „empowern“ und ihnen zeigen, dass sie sehr wohl etwas zum Positiven verändern können. Ich mag den Gedanken ja nicht, dass „eine Person nichts machen kann.“ Das akzeptiere ich so einfach nicht! Ich sehe mich eigentlich als eine ziemlich gewöhnliche Person; ich bin wie jeder Hans und Franz. Aber ich möchte Menschen inspirieren und ihnen zeigen, dass sie sehr wohl einen Unterschied machen können!

Gemeinschaft ist ein Konzept, das mir sehr wichtig ist. Ich mag es, andere zu unterstützen, wenn sie versuchen, etwas Gutes zu tun. Genauso gerne lerne ich von anderen. Ich dachte einfach, dass meine Erfahrungen vielleicht auch anderen helfen könnten, und das ist so das, was ich mache. Ich teile meine Erfahrungen auf meinem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und tausche mich mit anderen aus, in der Hoffnung, dass ethisch vertretbares Handeln die Norm wird.

Lucy, du hast mir erzählt, dass du als Meeresbiologin auf solchen riesigen Kreuzfahrtschiffen gearbeitet hast. Wer vergibt denn so einen Auftrag? Oder ist es so, dass solche Schiffe verpflichtet sind, eine Expertin wie dich an Bord zu haben?

Ich habe für eine gemeinnützige Meeresschutzorganisation gearbeitet und auf solchen großen Kreuzfahrtschiffen und auch Fähren rund um die Welt zu arbeiten gehörte dazu. Diese Schiffe sind nicht verpflichtet, Meeresbiologen an Bord zu haben, aber das macht sich natürlich gut für sie auf dem Papier und ist für die Passagiere auch eine zusätzliche „Unterhaltung“. Für gemeinnützige Organisationen ist es aber auch eine fantastische Möglichkeit, diese um die Welt fahrenden Schiffe zu nutzen, um Meerestiere zu beobachten und gleichzeitig ein Laienpublikum aufzuklären. Es ist eine super Gelegenheit, etwas für unsere Meere zu tun.

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Du hattest mir erklärt, dass die laute, basslastige Musik auf Kreuzfahrtschiffen gar nicht mal das größte Problem ist, sondern dass es die Motoren sind, die unter Wasser lauter nachhallen als die Musik. Wie beeinträchtigt das die Meeresbewohner?

Unter Wasser ist Schall fünf Mal schneller als in der Luft. Diese Schiffe sind riesige schwimmende Hotels, und wenn du die Motoren an Bord hören kannst, kannst du dir sicher sein, dass man sie unter Wasser über große Distanzen hören kann. Wie genau das Meerestiere beeinträchtigt ist noch nicht komplett erforscht, und natürlich hören und interpretieren verschiedene Arten Schall auch anders, d.h. man müsste das von jeder einzelnen Art aus beleuchten.

Wale und Delfine sind jedenfalls mit ihrer fortgeschrittenen Kommunikation extrem stark auf Töne angewiesen. Viele verwenden Echoortung zum Jagen, um sich zu orientieren, aber auch um Informationen weiterzugeben. Wenn das Meer voller Lärm ist, wird das schwer für sie. Es ist so, als ob wir zwei versuchen würden, uns mit einer Autobahn dazwischen zu unterhalten. Wir würden uns einfach nicht hören können.

Was sind denn weitere Umweltprobleme?

Das größte Problem mit Schifffahrt ist die fehlende Überwachung. Die Ozeane sind einfach riesig. So ein Schiff kann tagelang auf hoher See sein, ohne dass irgendeine Überwachungsinstanz dessen Weg kreuzt. Wenn ein Schiff giftige Stoffe im Wasser entsorgen möchte, kann es das machen, ohne, dass jemals jemand es auf sie zurückführen könnte. Wenn Fischerboote ihren Beifang über Bord werfen wollen, können sie das machen und keiner wird jemals wissen, dass sie es waren. Wenn ein Containerschiff einen Container auf hoher See verliert, können sie einfach weiter fahren und behaupten, dass ihnen das erst im Hafen aufgefallen wäre.

Es gibt zwar zahlreiche Vorschriften, die die Meere vor solchen Aktivitäten schützen sollen, aber es fehlt einfach an Kontrollen, die sicherstellen, dass diese Vorschriften auch eingehalten werden.

Wenn du auf solchen Schiffen bist, dokumentierst du wahrscheinlich ziemlich viel. Was passiert mit den Daten, die du sammelst?

Das meiste ist wissenschaftlich zugänglich, sodass verschiedene Wissenschaftler die Daten analysieren können. Die wissenschaftlichen Ergebnisse wiederum werden bei politischen Entscheidungen zu Umweltthemen berücksichtigt. Die Daten zu Meeresaktivitäten sollen ein Gesamtbild zeichnen, wo welche Arten sind und wofür sie welche Gebiete nutzen. So können wir letztlich Gebieten Wichtigkeitsstufen zuordnen, sodass Schutzmaßnahmen eingeleitet werden können, die nicht nur die Tiere, sondern ihren gesamten Lebensraum, auf den sie angewiesen sind, schützen. Ohne die Meere zu untersuchen und ein Verständnis dafür zu bekommen, was da eigentlich passiert, können wir sie nicht schützen.

Du hattest mir auch von Menschenrechtsverletzungen erzählt. Kannst du das ein bisschen für uns ausführen?

Die Crew auf den meisten Schiffen, wo ich gearbeitet habe, kam von den Philippinen. Das, was ich gesehen habe war traurigerweise ein klassischer Fall von „Reiche beuten Arme aus.“ Aus irgendeinem Grund wird das aber kaum wahrgenommen. Die Leute, mit denen ich an Bord sowohl gelebt als auch gearbeitet habe, hatten lange Schichten von z.T. mehr als 12 Stunden am Tag. Sie stellen sicher, dass alles gemacht wird, damit die Passagiere nichts zu meckern haben, und dennoch sind sie regelmäßig Rassismus ausgesetzt.

Die meisten von uns haben am Wochenende frei, nicht wahr? Stell dir vor, du müsstest 6-10 Monate am Stück arbeiten, ohne auch nur einen Tag frei zu haben. So ist das für die Arbeiter an Bord. Das Geld, das sie verdienen ist zwar ganz gut im Vergleich zu dem, was sie zu Hause verdienen würden, aber verglichen mit den weißen bürgerlichen bis wohlhabenden Passagieren, die sie bedienen, ist das fast nichts. 80% von dem, was sie verdienen wird nach Hause geschickt.

Viele, die ich kenne, hatten Kinder zu Hause und waren sehr gebildet. Sie konnten häufig mehrere Sprachen fließend sprechen und hatten mehrere (Universitäts-)Abschlüsse. Nichtsdestotrotz machten sie über 100 Betten am Tag, weil es der einzige Weg war, genug Geld zu verdienen, um der Familie ein besseres Leben und den Kindern Bildungsmöglichkeiten zu ermöglichen. Und dennoch meckerten sie nicht. Meine Freunde auf diesen Schiffen waren die stärksten Menschen, die ich jemals getroffen habe.

Wenn ich einen schlechten Tag hatte, konnte ich einfach vom Schiff gehen und durchatmen, sobald das Schiff irgendwo andockte. Meine Freunde durften das nicht. Gegen Ende meines letzten Vertrags habe ich mich so schlecht gefühlt mit dieser offensichtlichen Form moderner Sklaverei, dass ich mir gesagt habe, dass ich nie wieder auf solchen Schiffen arbeiten würde. Es ist schlimm, diese schreiende Ungerechtigkeit zu sehen aber nichts dagegen tun zu können. Diese ganz eigene Welt auf dem Meer hat einfach zu viele Schlupflöcher, weswegen diese Sachen weiter passieren. Das Einzige, das ich machen kann, ist darüber zu sprechen, damit Menschen von diesen Ungerechtigkeiten erfahren.

Vielen lieben Dank, Lucy!

Wal- oder Delfin-Pate werden

Das Interview mit Lucy hat mich wirklich sehr nachdenklich gestimmt und ich habe viel nachgelesen, u.a. auf der Seite der gemeinnützigen Organisation Whale and Dolphin Conservation, die auch sehr aktiv Aufklärungsarbeit zu Plastik im Meer betreiben.

Da habe ich zufällig gesehen, dass man Wal- 🐳oder Delfin-Pate 🐬 werden kann 😍 und bin gerade hin und weg davon! Als Pate*Patin bekommt man regelmäßig Information darüber, wie es dem Patentierchen geht. Darunter ist auch eine Orka-Familie an der kanadischen Westküste hier dabei!! Ich wusste vorher schon, dass hier eine Orka-Familie in der Gegend ist und man sie mit etwas Glück sogar von Vancouver aus sehen kann, wobei ich selbst bisher leider das Glück noch nicht hatte 😆. Aber dass man sogar Pate werden kann wusste ich nicht 😍!!

Ich finde, dass das ein ganz tolles Geschenk ist, vor allem auch für Kinder und Jugendliche, die so mit viel Spaß über die Tiere, ihre Lebensumgebung und umweltbewussteres Handeln lernen können!

Kategorie Artikel, Dossier, Reisen

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