Wie nachhaltig sind Smartphones?

Mit freundlicher Genehmigung von Fairphone, ©Fairphone

Jeden Sonntag gibt es um 14:30 Uhr bei COSMO (ehemals Funkhaus Europa) von mir etwas zu Nachhaltigkeit auf die Ohren! COSMO ist das internationale und interkulturelle Hörfunkprogramm und eine gemeinschaftliche Produktion von den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR, Radio Bremen und Rundfunk Berlin-Brandendenburg.

Zu empfangen in NRW auf 103,3 MHz, in Bremen und Teilen Niedersachsens auf 96,7 MHz, in Bremerhaven auf 92,1 MHz und in Berlin und Umgebung auf 96,3 MHz.

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Jeder von uns hat eins. Meistens am Körper oder zumindest in Griffreichweite. Ja, was wohl? Ein Smartphone natürlich! Auch unsere COSMO-Nachhaltigkeitsexpertin Shia Su hat eins. Weil Smartphones total praktisch sind und sowieso unentbehrlich. Aber sind sie auch nachhaltig?

Wahrscheinlich eher nicht, oder Shia?

Leider nicht! Das fängt schon mit den Materialien an, aus denen ein stinknormales Smartphone besteht. In Smartphones stecken rund 60 Stoffe, zB Kupfer, Zinn, Gold.
Aber auch weniger bekannte Sachen wie die Metalle Tantal und Kobalt oder das Mineral Coltan.
Ein großes Problem ist nicht nur, dass einige dieser Rohstoffe selten sind. Die Bedingungen, unter denen sie abgebaut werden, sind so heftig, dass man sie auch “Konfliktrohstoffe” oder “Blutmineralien” nennt.

Klebt da tatsächlich Blut dran?

Ja, weil in Kriegs- und Krisengebiete wie im Kongo der Abbau z.B. den Bürgerkrieg finanziert. Die Menschen, die dort in den Minen nach Rohstoffen graben, arbeiten unter lebensgefährlichen Bedingungen. Jährlich werden dort in den Hunderte Arbeiter, darunter auch Kinder, lebendig begraben.

Und als ob das nicht schlimm genug wäre, kommen natürlich noch Umweltprobleme dazu. Rodung von Wäldern, Sprengungen von Gestein zum Bau der Minen zum Beispiel.
Und auch bei der Verarbeitung, beim Herauslösen der Metalle, kommen Schadstoffe zum Einsatz, die in Flüsse und Meere gelangen können. Insgesamt finde ich da die Bezeichnung “Blutmineralien” schon sehr treffend.

Kann man sich überhaupt guten Gewissens ein Smartphone kaufen?

Die brutale Wahrheit zuerst: Das Nachhaltigste, was man machen kann, ist, gar kein Smartphone zu benutzen! Es gibt kein 100% faires Handy und der Weg zur Besserung ist lang, hart und steinig. Die Lieferketten sind, wie auch in der Textil- oder Kaffeebranche, sehr komplex und häufig kaum nachzuverfolgen.

Die gute Nachricht ist aber, dass es schon Hersteller gibt, deren Mission es ist, das maximal Mögliche in Sachen fair und nachhaltig aus den Handy rauszuholen. Das sind zB die Macher des Fairphones in Amsterdam oder von Shift in Nordhessen.

Was ich echt cool auch finde, ist, dass beide ihre Smartphones modular gemacht haben, sprich, man kann natürlich den Akku wechseln, aber auch einzelne Komponenten nachkaufen und ganz einfach selber austauschen. Ich mein, wie häufig werden Geräte einfach aussortiert, weil es sich nicht lohnt, sie aufwendig reparieren zu lassen?

Ah, also hast du bestimmt so ein faires Smartphone?

Noch nicht, aber ich liebäugele damit – wahrscheinlich wird es mein nächstes Handy werden!
Momentan habe ich aber noch mein gebraucht gekauftes iPhone, und ich habe vor, es so lange zu benutzen und es ggf. reparieren zu lassen, bis es wirklich,wirklich aufgebraucht ist. Wenn man bereits eins hat, wie fast jeder von uns, dann ist es besser, das wirklich aufzubrauchen, anstatt gleich ein Neues zu kaufen, nur weil eine Firma ein neues Modell auf den Markt wirft. Und wenn dann ein neues Gerät her muss, kann man entweder eins der faireren Modelle kaufen, oder sich wieder ein Gebrauchtes holen.

Wenn aber mein Handy dann doch irgendwann wirklich am Ende ist, wohin damit?

Dann bitte das alte, kaputte Ding nicht einfach zu Hause in einer Schublade versauern lassen! Ungefähr 80% der Bestandteile lassen sich nämlich wiederverwerten.

Die meisten Hersteller nehmen alte, kaputte Modelle wieder zurück. Man kann alte Handys aber auch bei Mobilfunkanbietern abgeben, einige spenden die Erlöse daraus sogar an Umweltschutzorganisationen. Oder du schickst dein Handy direkt an den Umweltschutzverein Grüne Liga, der leitet sie an Recycler weiter und kriegt dafür eine Spende. Und Elektrowarengeschäfte sowie örtliche Wertstoffhöre nehmen ebenfalls alte Geräte an.

Es scheitert also zum Glück nicht daran, dass man keine Möglichkeiten hat, das im Alltag ordnungsgemäß zu recyceln.

7 Kommentare

  1. Es gibt immer mal wieder Aktionen zum Sammeln von alten Handys. Die Frankfurter Müllabfuhr nimmt auch immer mal wieder welche an

  2. Carsten Neumann

    Ich hatte auch mit einem Fairphone geliebäugelt, aber mich dann doch für ein gebrauchtes Samsung entschieden, auch weil das Fairphone nicht lieferbar war. Gebraucht kaufen ist außerdem günstiger und nachhaltiger. Auch ein Fairphone ist nicht fair, es ist „nur“ weniger schlimm. Es mag als gutes Beispiel oder als Statussymbol für „Möchtegern-Ökos“ dienen, aber das fairste und umweltverträglichste Smartphone ist immer noch eines, das gar nicht erst produziert wird.

    Gebraucht muss dabei nicht schlecht oder riskant sein. Ich habe bei https://www.backmarket.de/ gekauft, da gibt es gute Zustandsbeschreibungen und eine Garantie mit Rückgaberecht. Man kann also recht wenig falsch machen und hat nicht nur ein Smartphone vorm Müll gerettet, sondern gleichzeitig die Herstellung eines neuen gespart.

    Einziger Wermutstropfen: Der Versand ist leider nicht plastikfrei…

    • Hi Carsten,
      ja und nein halt 😀
      Ja, ich habe auch ein gebrauchtes Handy und finde es richtig, nicht unnötig neue Ressourcen anzuzapfen und lieber aufzubrauchen. ABER ich denke, man muss auch die unterstützen, die es besser machen wollen, denn ansonsten überlässt man das Produzieren denjenigen, die keine Rücksicht nehmen und dann ändert sich an der Produktionsbedingungen langfristig nichts. Firmen wie Fairphone zeigen meiner Meinung nach den gängigen Firmen, WIE und DASS man es sehr wohl besser machen kann und je mehr bewusstere Firmen es gibt, desto mehr setzt das gängige Produktionsbedingungen unter Handlungsdruck.
      Es gibt auch fast überall inzwischen Fachhändler vor Ort, da kann man sein gebrauchtes Handy dann auch mit Rechnung, Garantie und Rückgaberecht ganz ohne Versand bekommen. Ich habe mir aber auch schon ein Kameraobjektiv gebraucht privat über Kleinanzeigen gekauft und da war alles gut :).
      Liebe Grüße,
      Shia

      • Carsten Neumann

        Hallo Shia,

        du hast natürlich Recht. Wenn es ein neues Smartphone sein soll/muss, dann bitte ein möglichst faires. Solche Firmen sollte man unterstützen, damit sich der Ansatz bewährt und verbreitet.
        Man befindet sich da in einem gewissen Zwiespalt. Ich hatte schon öfter die Situation, dass ich von einem tollen, nachhaltigen und unterstützenswerten Produkt erfahre, das ich aber aktuell nicht brauche. Da wird dann lieber das vorhandene, nicht nachhaltig produzierte, Produkt aufgebraucht, dessen Resourcen wurden bereits genutzt, der Schaden an der Umwelt ist bereits entstanden. Das nachhaltige Produkt kann man dann nur unterstützen, indem man dafür wirbt, wobei die effektivste Werbung wohl die eigene sichtbare Nutzung ist. Tja, es ist nicht einfach bewusst zu konsumieren 😉

        Gruß,
        Carsten

  3. Im Kölner Zoo kann man auch alte Handys spenden. Dafür erhält der Zoo Spenden die Berggorilla- und Bonobo-Schutzprojekten – unter anderem eben im Kongo – zugute kommen.

  4. Ich finde es immer wieder schwierig, wenn Fairphone und Shift in einem Atemzug genannt werden.
    Ja, auch bei Fairphone ist noch nicht alles top in der Lieferkette, aber sie informieren und verbessern stets transparent (!) in vielen kleinen Schriften.
    Shift hatte sehr lange gar keine Dokumentation, außer „es ist fair, vertraut uns!“ Jetzt gibt es einen Bericht, der sich aber in keiner Weise überprüfen lässt. Selbst hinsichtlich der Zusammenarbeit mit TAOS, die sie nennen, gibt es keine Kooperationserklärung o.ä., geschweige denn irgendwelche Zertifikate der Fabriken. Daher hege ich persönlich große Zweifel daran, dass Shift bisher wirklich etwas erreicht hat.

    • Hi Adala,
      ich weiß, dass Shift da anders agiert. Da fängt „fair“ nämlich erst mal nur bei der letzten Produktionsstation an. ABER nach eigenen Aussagen wollen sie das ausweiten und das sollte erst der Anfang sein. Ich sehe es wie du, Fairphone ist für mich da auch viel transparenter und schon viel viel weiter.
      Am Ende finde ich aber, dass auch Shift die bessere Alternative zu allen anderen „normalen“ Herstellern ist, wenn auch natürlich nicht perfekt. Und es ist meiner Meinung nach einfach wichtig, dass es mehr als nur einen Hersteller gibt, der sich auf den Weg macht, Abbau- und Produktionsbedingungen zu verbessern. Wie ich das mitbekommen habe, haben sie gemerkt, dass sie bei der Transparenz noch so einiges nachlegen müssen. Es ist einfach ein schweres und großes Unterfangen, Zertifikate sind teuer und ich möchte nicht gerade so was im Keim ersticken. Benefit of the doubt, wie es so schön heißt. Ich beobachte das auf jeden Fall weiter. Danke für dein informatives Feedback!
      Liebe Grüße,
      Shia

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