Was könnten Deutschland und Kanada voneinander in Sachen Nachhaltigkeit lernen?

Jeden Sonntag gibt es um 14:30 Uhr bei COSMO (ehemals Funkhaus Europa) von mir etwas zu Nachhaltigkeit auf die Ohren! COSMO ist das internationale und interkulturelle Hörfunkprogramm und eine gemeinschaftliche Produktion von den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR, Radio Bremen und Rundfunk Berlin-Brandendenburg.

Zu empfangen in NRW auf 103,3 MHz, in Bremen und Teilen Niedersachsens auf 96,7 MHz, in Bremerhaven auf 92,1 MHz und in Berlin und Umgebung auf 96,3 MHz.

► Hier könnt ihr den Beitrag nachhören
► COSMO Livestream

Unsere COSMO-Nachhaltigkeitsexpertin Shia Su lebt jetzt seit sechs Monaten in Kanada – genauer gesagt in Vancouver. Die Stadt an der Westküste will bis zum Jahr 2040 Zero Waste zu werden! Also im Idealfall will Vancouver keinen Müll mehr produzieren. Das ist mal eine Ansage! In den vergangenen sechs Monaten in Kanada hat Shia viele Erfahrungen gesammelt. Zeit für ein kleines Zwischenfazit! Shia verrät uns drei Dinge, die Deutschland von Kanada lernen kann und umgekehrt.

Shia, was gibt es in Kanada, was es in Deutschland nicht gibt?

Erst mal muss ich sagen, dass ich in erster Linie nur das Leben in Vancouver mit dem in Deutschland vergleichen kann, weil ich den Rest von Kanada nicht ganz so kenne.In Deutschland könnte sich vor allem die Politik eine Scheibe abschneiden vom Enthusiasmus und Offenheit neuen Sachen gegenüber.

Warum hat Kanada das Deutschland voraus?

Kanada will gerne Vorreiter sein und ist unglaublich ambitioniert. Die Stadt Vancouver hat sich mit Zero Waste bis 2040 bewusst ein ehrgeiziges Ziel gesteckt und setzt da vor allem auf Aufklärung. Und ich muss sagen: Die Kampagnen ziehen tatsächlich und werden von den Bürgern ziemlich positiv aufgenommen. Hier in Kanada spürt man eine größere Motivation, Dinge zu ändern. Ich habe das Gefühl, dass sich die deutsche Politik sich gerne auf den Lorbeeren des Recyclingsystems ausruhen und alle anderen Ideen erst mal skeptisch beäugt.

Wo könnte man in Deutschland noch was von Kanada lernen?

Die Menschen solllten mehr Leitungswasser trinken! Hier in Vancouver ist Wasser in Flaschen echt ein seltener Anblick. Es gibt überall auf der Straße die Drinking Fountains – also Trinkwasserspender – an denen die Leute ihre Flaschen auffüllen können. Auch in Cafés, Restaurants und Kneipen gibt es immer kostenloses Leitungswasser. Das bekommt der Gast meistens unaufgefordert oder kann sich selbst etwas zapfen.

Einen Tipp hast du aber noch für Deutschland!

Ja! Es sollten mehr Wohnungen möbliert vermietet werden! In Kanada ist es üblich, dass jede Wohnung mit vollständiger Küche vermietet wird, auch die “unmöblierten” Wohnungen, also Wohnungen, in denen alle anderen Räume ansonsten noch leer sind. Es ist umweltfreundlicher, weil erstens die Möbel geschont werden, wenn sie in der Wohnung bleiben. Zweitens fallen natürlich noch die Transport-Emissionen weg, die entstehen, wenn jeder seinen ganzen Haushalt von A nach B karren muss.

Shia, was sollte Kanada von Deutschland übernehmen?

Nicht für jeden Scheiß Einwegsachen benutzen! In den meisten Cafés gibt es Getränke und Essen standardmäßig im Plastikbecher oder in der Pappschale. Ich muss dann immer mit Nachdruck “zum hier Trinken” oder “zum hier Essen” bestellen. Tja, und dann sitze ich im Café als einzige Person mit einer Porzellan-Tasse da…

Das klingt aber noch nach einem langen Weg zu Zero Waste…

Ja, da muss noch einiges an Aufklärungsarbeit geschehen. Ein großer Punkt ist das Energiesparen! So ein richtiges Konzept gibt es hier schlicht und ergreifend nicht. Üblich sind hier überdimensionale Kühlschränke, Waschmaschinen und Trockner, wo ich – nicht übertrieben! – wirklich reinkriechen könnte! Auf den Straßen sieht man überall SUV’s und Pickup-Trucks und Klimaanlage und Fenster auf ist auch ganz üblich. In Deutschland ist Energieverbrauch bzw. Energiesparen schon ein viel größeres Thema.

Und wo gibt es noch einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Kanada?

Bei der Isolierung und Bauweise der Häuser! In vielen Teilen Kanadas wird es im Winter superkalt und zwar bis zu minus 40 Grad! Aber gebaut wird aus Holz und nur mit einer dünnen Isolierung. Das frisst natürlich jede Menge Energie, weil die Wärme direkt wieder durch die Wände und häufig auch noch einfach verglasten Fenster verschwindet. Dann leben die meisten Menschen selbst in Metropolen wie Toronto in freistehenden Einfamilienhäusern. Doch bei vier nicht so gut isolierten Außenwänden geht natürlich einiges an Energie verloren.

2 Kommentare

  1. Carsten Neumann

    Immer wieder interessant zu sehen, wie es in anderen Ländern läuft.
    Solch ambitionierten Ziele, oder überhaupt klare Ziele, sind etwas, was ich hier auch vermisse. Sowohl in der Politik als auch den Medien. Die Bürger aufklären und motivieren mitzumachen, das würde vieles möglich machen.

    Es gibt in verschiedenen Ländern viele spannende Ansätze zum Umweltschutz, aber sie stehen meist isoliert da, während andere Aspekte scheinbar völlig ignoriert werden. Über den eigenen Tellerrand hinausschauen würde da sehr weiterhelfen.

  2. Beate Martin

    Spannender Bericht.
    Vielen Dank dafür!
    Mich würde dazu noch interessieren,
    wie es angegangen wird von der Stadt, dass sich etwas verändert
    in Sachen Müll vermeiden und Energie sparen.
    Also wie werden die Menschen dort motiviert,
    aufgeklärt ….damit dieses tolle Ziel 2040 umgesetzt werden kann?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.