Vancouver – eine Großstadt will Zero Waste werden

Jeden Sonntag gibt es eigentlich um 14:30 Uhr bei COSMO von mir etwas zu Nachhaltigkeit auf die Ohren! Besser bekannt ist der Radiosender wahrscheinlich momentan noch unter Funkhaus Europa, dem internationalen und interkulturellen Hörfunkprogramm von den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR, Radio Bremen und Rundfunk Berlin-Brandendenburg. Seit dem 1. Januar 2017 nun umbenannt in COSMO.

Zu empfangen in NRW auf 103,3 MHz, in Bremen und Teilen Niedersachsens auf 96,7 MHz, in Bremerhaven auf 92,1 MHz und in Berlin und Umgebung auf 96,3 MHz.

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Zero Waste, das heißt ja “null Müll”. Und es gibt wirklich Leute, die kriegen es hin fast müllfrei zu leben! Unsere COSMO-Nachhaltigkeitsexpertin Shia Su zum Beispiel. Ihr Rest- und Plastikmüll von einem ganzen Jahr passt in ein einziges Einmachglas – deutlich kleiner als mein Kopf! Und inzwischen gibt es immer mehr Menschen, die Zero Waste leben! Großartig! Und bewunderswert. Und wenn einzelne menschen das hinkriegen – ist schon krass – aber jetzt stellt euch mal eine ganze Großstadt ohne Müll vor! Soll‘s bald geben – nämlich die Metropole Vancouver ganz im Westen Kanadas. Die haben sich das zum Ziel gesetzt! Wahnsinn! Gut, dass wir unsere Nachhaltigkeitsexpertin da eingeschleust haben, um das mal ganz genau unter die Lupe zu nehmen.

Shia, wie sieht das denn aus in Vancouver? Gibt es da nur noch Unverpackt-Läden statt Supermärkte oder wie soll das gehen?

Noch nicht, aber wer weiß ;). Aber ich muss schon sagen, dass das Angebot an losen Lebensmitteln mich echt aus den Socken gehauen hat! Im Grunde hat nämlich jeder stinknormale Supermarkt standardmäßig auch Spender, wo man sich z.B. Haferflocken, Reis, Linsen oder immer auch Kaffeebohnen abzapfen kann! Lose Ware, Bulk nennt sich das auf Englisch, hat in Kanada nämlich eine lange Tradition.

Wow, also fing da die Unverpackt-Bewegung schon früher an als bei uns?

Ja, naja, das hat leider nicht unbedingt was mit Müllvermeidung zu tun. Die Idee ist eher, dass man nur so viel kaufen muss, wie man möchte. Was ja auch klasse ist, denn man kauft nur, was man echt braucht… Meistens gibt es zum Abfüllen blöderweise nur Plastiktüten und nicht jeder Laden hat ein System für mitgebrachte Gefäße. Also – gute Idee, nicht ganz zuende gedacht… Den meisten Kunden geht es hauptsächlich ums Geldsparen! Die Sachen sind günstiger, weil man als Verbraucher nicht gezwungen wird, die Verpackung mitzukaufen. In Deutschland ist die unverpackte Ware leider meistens nicht deutlich günstiger, weil unverpacktes Einkaufen eben noch kein Massending ist, d.h. es gibt dafür noch keine so feste Infrastruktur und alles, was eben nicht Massenware ist, ist leider teurer.

Ja, da sind wir alle gefragt! Also, mehr und häufiger unverpackt einkaufen, Leute! Shia, da hat sich Vancouver ja echt was vorgenommen. Was macht die Stadt denn dafür? Damit das wahr werden kann?!

Es passiert hier tatsächlich eine Menge, vor allem, wenn man bedenkt, was vorher der Standard so war. In Nordamerika wird einem als Einwohner ja das Recycling generell nicht gerade leicht gemacht. Seit 2008 krempelt die Stadt aber alles um. Es wurde viel Infrastruktur fürs Recycling geschaffen und vieles wurde gesetzlich verpflichtend gemacht. Das System ist momentan dem deutschen System recht ähnlich, Deutschland gilt hier nämlich als Vorbild in Sachen Recycling. Hat leider auch dazu geführt, dass es nun die gleichen Absurditäten gibt. Der berühmte Plastik-Blumentopf aus eigentlich recycelbarem Plastik darf ja in den meisten deutschen Kommunen nicht in den Gelben Sack, weil da nur Verpackung rein darf. Stattdessen gehört er in den Restmüll. Tja, das ist in Vancouver auch so…

Oh nein! Heißt das, die wollen zwar Zero Waste werden, sind aber bisher “nur” auf einem Stand vergleichbar mit Deutschland?

So ungefähr. Einige Sachen sind schon etwas konsistenter umgesetzt als bei uns, z.B. ist es hier verboten, organische Abfälle über den Restmüll zu entsorgen. Das Abfallaufkommen pro Kopf ist momentan sogar schon auf dem Niveau wie in Deutschland. Der große Unterschied ist allerdings, dass der Stand momentan nur als Übergang statt als Status Quo gesehen wird. Das Zwischenziel für 2020 ist, dass 50% weniger Müll auf Müllhalden landet bzw. verbrannt wird. Und das ist ziemlich realistisch. Das Endziel ist aber wirklich, dass 2040 gar kein Müll mehr anfällt.

Aber meinst du, das geht wirklich? Wie kann das denn funktionieren, wenn die Leute zur Zeit sogar noch etwas mehr Müll machen als wir?

Ja, das geht natürlich nur, wenn die Einwohner auch mitziehen. Die Stadt fährt wirklich irre viele Kampagnen, die man beim besten Willen nicht übersehen kann. Da gibt’s ganz viel Azfklärung und überall kannst du was sehen und lesen in der Stadt zu Zero Waste. Und wirklich jeder hier kennt den Begriff und weiß, dass die Stadt sich Zero Waste zum Ziel gesetzt hat! Es gibt den von der Stadt initiierten “Waste-free Wednesday”, wie es in Deutschland häufig den Veggie-Tag, meistens Donnerstag, gibt. Da “challengt” die Stadt jeden Einzelnen, aber auch Firmen und Geschäfte, ihren Müll drastisch zu reduzieren und wenn es geht, an dem Tag gar keinen Müll zu machen. So möchte die Stadt Leute etwas kitzeln und dazu bringen, Müll vermeidende Sachen mal auszuprobieren, in der Hoffnung, dass man so nach und nach ökologischere Gewohnheiten entwickelt. Und die Einwohner hier sind alle auch wirklich so irre stolz drauf, dass ihre Stadt die grünste Stadt der Welt werden möchte. Und die Initiatoren betonen oft und gerne, dass das nur mit allen zusammen zu schaffen ist und möchte alle mit ihren Ideen ins Boot holen, um ihre Zero Waste Strategien immer weiterzuentwickeln. Ich muss echt sagen, dass ich allein schon richtig beeindruckt davon bin, was sie so in den letzten 9 Jahren geschafft haben – von einem typisch-Nord-amerikanischem für jeden Quatsch ‚ne Plastiktüte und alles doppelt und dreifach verpacken zu einer relativ ökologischen Alltagshaltung gekommen sind. Und ich finde es nicht ganz abwegig, dass sie es wirklich hinbekommen in ein paar Jahren die Grünste Stadt zu sein – und vor allen Dingen die mit dem allerwenigsten Müll! Und – ich freu mich, dass ich da jetzt auch mitmachen darf…

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