Plastiktüten-Verbote: Warum haben wir immer noch so viele Plastiktüten?

Jeden Sonntag gibt es um 14:30 Uhr bei COSMO (ehemals Funkhaus Europa) von mir etwas zu Nachhaltigkeit auf die Ohren! COSMO ist das internationale und interkulturelle Hörfunkprogramm und eine gemeinschaftliche Produktion von den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR, Radio Bremen und Rundfunk Berlin-Brandendenburg.

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Kenia hat diese Woche Plastiktüten abgeschafft und geht sogar unerwartet hart dagegen vor. Plastiktüten herzustellen oder sogar nur zu besitzen kann bis zu 37.000€ kosten oder vier Jahre Gefängnishaft bedeuten, wobei Kenias Umweltminister Judi Wakhungu versichert, dass das nicht den normalen Bürger betrifft. Tanzania verbot Plastiktüten schon 2006 und zog 2013 mit einem Verbot gegen die Herstellung nach. Dagegen ist unsere deutsche “freiwillige Selbstverpflichtung” ja ein Witz, findet unsere COSMO-Nachhaltigkeitsexpertin Shia Su.

Shia, woran liegt das denn, dass sich bei uns in Europa so wenig tut?

Dem kommt man ein bisschen auf die Spur, wenn man sich anguckt, warum und wie Länder wie Kenia und Ruanda – übrigens ein Vorreiter in der Sache – Plastiktüten verbieten. Pro-Kopf liegt der Verbrauch in Kenia z.B. nur bei 2 Tüten pro Jahr, während wir in Deutschland je auf 71 kommen. Zum Vergleich: Die EU setzt nur das bescheidene Ziel, bis 2025 den pro-Kopf-Verbrauch auf “nur” 40 Plastiktüten zu senken.

Aber wenn wir so viel mehr Plastiktüten verbrauchen müsste das ja eigentlich bedeuten, dass wir in Europa ja sogar härter durchgreifen müssten?

Ja, das stimmt. Aber bei uns in Europa ist vergleichsweise der gefühlte Handlungsdruck einfach ziemlich schwach, weil wir uns auf einer ganz gut funktionierenden Müllabfuhr ausruhen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Natürlich ist der Müll dann nicht einfach “weg”. Aber: Man sieht es dann eben nicht mehr als ein so offensichtliches Problem wie in Kenia. Da hat man zum Beispiel laut der Washington Post beim Schlachten von Nutztieren 20 Tüten aus Mägen von Kühen geholt. Nicht, dass bei uns nicht auch Tiere mit Mägen voller Plastik verenden, Vögel zum Beispiel. Aber eben nicht unsere Nutztiere. Außerdem behindern Plastiktüten bei uns nicht die Infrastruktur, wie z.B. durch Verstopfungen von Abflüssen. Und solange unseren Alltag nicht so massiv behindert, können wir eben gut damit leben und erkennen es vielleicht auch darum nicht als wirkliches Umweltproblem.

Shia, es liegt ja nicht nur an der gut funktionierenden Müllabfuhr- warum haben wir immer noch so viele Plastiktüten?

Bisher kosten Plastiktüten im Handel zwischen 10 und 15 Cent und das ist nicht besonders viel und damit wenig abschreckend für den Käufer. Klar, es gibt auch Positivbeispiele, wie einige Supermarktketten, die Plastiktüten komplett verbannen. Aber, vielleicht könnte man das ändern, indem man schon mal die Preise für Plastiktüten spürbar erhöht, wenn man sie schon nicht ganz aus dem Handel nimmt. Und in Kenia ist es zum Beispiel so, dass da es jetzt sehr hohe Strafen für den Verkauf von Plastiktüten gibt und das schreckt die Leute auch ab… Vielleicht könnte man hier einfach mit einem Bußgeld anfangen?

Was bedeutet es, wenn ich im Alltag so viele Plastiktüten brauche?

Das bedeutet einfach nur, dass du es dir nie zur Gewohnheit gemacht hast, einen eigenen Beutel dabei zu haben.. Klar, am Anfang vergisst man das halt auch mal. Aber, schon allein dieser Stoffbeutel macht viel im Alltag aus: keine Plastiktüten, die man schnell wieder wegschmeißt und der damit produzierte Müll. Aber du kannst im Alltag zum Beispiel auch auf Frühstückstüten verzichten und kannst dein Brot stattdessen in eine Tupperdose tun oder mit einem Brotbeutel beim Bäcker einkaufen. Oder auch bei Einkäufen kann man drauf achten, Obst und Gemüse zum Beispiel lose in den Einkaufswagen zu legen, statt alles in diese kleinen Plastiktüten zu stecken. Das sind zwar alles erstmal kleine Schritte- aber immerhin ein Anfang.

4 Kommentare

  1. Ich glaube es besteht bei uns kein Interesse seitens der Politik die Plastiktüten abzuschaffen weil wir leider von unserer Wirtschaft regiert werden und die verdient ja schließlich daran

    • Wirtschaftliche Interessen wird leider viel zu häufig Priorität gegeben. Dabei hat man auch nichts vom Geld, wenn die Welt vor die Hunde geht (überspitzt formuliert)…

  2. Also, ich bin ja nu wahrlich nicht für Plastiktüten oder irgend eine Art von Einweg-Plastik und teile deine Meinung, dass hier neben individuellem Engagement auch eine Menge politisch-strukturelle Arbeit gefragt ist … aber in Ruanda funktioniert das in der Umsetzung aber u.a. deshalb so gut, weil das ein ziemlich autoritär geführter Staat ist, oder?

    • In dem Fall denke ich, dass das eine Frage vom politischen Willen und Prioriätensetzung ist. Frankreich hat nicht nur Plastiktüten inklusive Obst- und Gemüsetüten seit Anfang des Jahres verboten, sondern auch BPA in allen Lebensmittelverpackungen sowie Plastik-Einweggeschirr und -besteck. Das sehe ich in Deutschland leider momentan auch noch nicht. Der Anlass, diese Woche darüber zu reden war jetzt zwar der strenge Verbot in Kenia, aber das heißt nicht, dass es hier nicht auch konsequenter ginge. Ich finde es auch wichtig, mal über den euro- und amerikazentrierten Tellerrand zu gucken und zu sehen, dass sich woanders auch viel tut und wir hier nicht immer Vorreiter sind.

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