Shia besucht Unverpackt-Läden Nr. 9 – gramm.genau in Frankfurt/Main

Von links nach rechts: Tamás, meine Mama, ich, Christine, Hanno

Nein, wir sind nicht zurück in Deutschland ! Wir sind immer noch in Vancouver an der kanadischen Westküste, und das auf jeden Fall noch bis Februar 2018. Wir hatten es aber noch geschafft, am Tag bevor wir von Frankfurt abflogen sind, den Ende Januar eröffneten Unverpackt-„Laden“ gramm.genau in Frankfurt zu besuchen. Mit von der Partie war dieses Mal meine Mama, whooo! Denn die lebt in Frankfurt und war natürlich ziemlich neugierig drauf.

Ich hatte die liebe Christine ziemlich spontan angeschrieben, weil nicht klar war, ob wir das zeitlich überhaupt schaffen würden. Doch Christine fackelte nicht lange, sondern sauste auf ihrem Fahrrad so schnell sie konnte in den Laden, wo Tamás bereits von uns dreien gnadenlos überfallen und ganz gut ausgequetscht wurde.

Das gramm.genau ist nämlich kein Unverpackt-„Laden“, sondern eher eine Unverpackt-Abteilung im wohl bekannten Frankfurter Bio-Gemüseladen Main Gemüse. Als ich das vorher meiner Mutter erzählte, wusste sie sofort Bescheid: „Ach, die mit den leckeren Suppen auf der Berger Straße?“

In Frankfurt gibt es viele engagierte Köpfe mit nachhaltigen Ideen. Zum Beispiel die Resteküche Beste Küche, der Foodtruck, der mit krummem Gemüse kocht oder der Verein Lust auf besser leben mit eigener Nachhaltigkeits-App für Frankfurt!

In diesen Nachhaltigkeits-Kreisen brodelte auch die Unverpackt-Idee. So kam es, dass Christine, Tamás, Franzi und Jenny sich kennen lernten und zu viert zusammenschlossen. Gleichzeitig hatte Carolin, die Besitzerin von Main Gemüse, mit der Unverpackt-Idee geliebäugelt. Es passte perfekt. Die vier hatten alle keine Einzelhandels-Erfahrung und Carolin einen etablierten Bioladen. So entstand das Konzept, statt eines Unverpackt-Ladens mit all den unternehmerischen Risiken das Ganze als Zusatzangebot im Main Gemüse zu gestalten.

Ab da ging es ganz schnell. Im Sommer 2016 ging es ans Werk und bereits Ende Januar 2017 konnte man in Frankfurt unverpackt einkaufen!

Wie funktioniert das mit dem unverpackten Einkaufen?

Die eigenen Behälter kann man natürlich immer auch zu Hause schon wiegen und beschriften. Das spart natürlich Zeit, vor allem, wenn das Gewicht permanent drauf bleibt. Ansonsten muss das Gewicht im Laden ermittelt werden. Dazu wiegt man seine Behältnisse an dieser Waage, die auch ganz sicher keinen doofen (Restmüll-)Sticker ausspuckt. Stattdessen liegen daneben wasserlösliche Folienstifte, mit denen man alles beschriften kann.

Wer spontan vorbei schaut und nix dabei hat, kann sich am Spendenkorb bedienen und hinterher natürlich wieder zurück bringen .

Natürlich gibt es aber auch Gläser und Beutel zu kaufen.

An der Kasse wird dann alles gewogen und das Eigengewicht des Behältnisses abgezogen.

Ich muss einfach an dieser Stelle mal das Kassensystem loben! Es ist nämlich kein krasses Kassensystem, sondern eine einfache Kasse, wo der Bon noch auf echtem Papier ausgedruckt wird. Das bedeutet, dass man keinen (wie sonst immer) BPA-beschichteten Kassenbon bekommt, der nicht nur Restmüll ist, sondern gesundheitsschädlich ist! Mehr zu Kassezettel und warum die ganz schlecht sind könnt ihr übrigens hier nachlesen.

Stattdessen wird einfach an einer Waage abgewogen und der Preis ermittelt, der dann manuell in die Kasse eingetippt wird. Heutzutage schon fast revolutionär !

Die Auswahl

Da Main Gemüse ja ein Bio-Gemüseladen ist, überwiegt natürlich das Angebot an losem, knackigem Bio-Obst- und Gemüse.

Ich habe auch zum ersten Mal getrocknete Tomaten in einer Holzkiste gesehen!

Eier kann man ebenso lose kaufen. Ich meinte es gab auch Milchprodukte, aber ehrlich gesagt bin ich mir da gerade nicht mehr so sicher. Ich selbst lebe ja vegan und muss zugeben, dass ich deshalb solchen Sachen inzwischen recht wenig Aufmerksamkeit schenke .

Auf jeden Fall gibt es Brot ! Aber so weit handelt es sich um das Sortiment, das es bereits vor dem Einzug von gramm.genau gab.

Das neue Unverpackt-Sortiment ist mit gut 50 Produkten bewusst erst mal schlank gehalten und die Frankfurter durften per Umfrage mitbestimmen, was sie auch taten! 1259 Menschen nahmen innerhalb von zwei Wochen daran teil! Die Produktpalette wird auch mit der Erfahrung noch wachsen.

Übrigens möchte ich hier mal anmerken, dass es wie auch in den Unverpackt-Läden Ohne in München und Lola Lose in Hannover plastikfreie (!) Spender sind ! Viele Sachen wie die großen Bonbongläser, eine Waage, die Getreidemühle und einige non-food-Produkten stammen übrigens aus der Auflösung vom Unverpackt-Laden Tante Trine in Recklinghausen. Es bleibt also sozusagen in der „Zero-Waste-Familie“ und verkommt nicht.

Es gibt Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen und Bohnen. Statt fertig gemischtes Müsli gibt es Flocken und Samen zum nach Herzenslust selber mischen. An Kohlenhydraten kann man sich Hirse (unser neuer Favorit!), Reis, Couscous, Suppennudeln und Quinoa zapfen.

Aber man kann auch (mit Handschuhen) Spaghetti nehmen oder sich aus einem Glas rauskippen.

Mehle kann man sich an mit dieser Mühle mahlen, wenn man sich vorher die entsprechenden Körner abzapft.

An Flüssigkeiten gibt es erst mal nur Apfelessig. Öle gibt es aber in Glasflaschen. Es ist bei Ölen sowieso immer die Frage, ob es ökologisch als Unverpackt-Laden sinnvoller ist, auf 10-Liter-Kanister aus Plastik oder 5-Liter-Kanister aus Metall auszuweichen oder stattdessen lieber 1-Liter-Glasflaschen mit Plastik im Deckel und den Plastik-Ausgusshilfen zu verkaufen. Ja, nicht so einfach manchmal…

Tee und Kaffee gibt es auch. Sowohl für zu Hause…

Hihi, da hab ich meine Mama mal heimlich fotografiert. Die ist nämlich ziemlich kamerascheu

… als auch zum dort genießen .

Was natürlich nicht fehlen darf ist Schokiiiiiii! Achja, und natürlich Gewürze. Die stehen in der Reihe dahinter. Ich sehe, wir haben die gleiche Prioritätensetzung !

Nachdem ich viel bei den Spendern geknipst und einige Kunden dabei fast schwungvoll umgehauen hatte , führt uns Tamás in einen kleinen, fast schon versteckten Vorraum zwischen Café-Tresen und Spenderreihe. Denn Überraschung: Es geht da nämlich noch weiter! Die Vorraums-Drogerie sozusagen ! Allerdings stehen diese Sachen inzwischen gut sichtbar links neben der Theke und im Vorraum chillen die Kartoffeln .

Neben tollen, handgemachten Seifen dürfen natürlich feste Shampoo-Stücke nicht fehlen! Festes Shampoo ist im Grunde Shampoo, dem man das Wasser entzogen hat. Wie fast alle Unverpackt-Läden gibt es die ShampooBits von Rosenrot. Ganz häufig werde ich auf den „steilen Preis“ angesprochen und dass sich das ja nicht jeder leisten kann.

Der Preis kommt zustande, weil es zum Einen Naturkosmetik ist. In dem Fall ganz ohne Konservierungsmittel, Parabene, Mineralöle, Silikone, aggressiven Tensiden und sogar ohne Palmöl. Zum Anderen werden die ShampooBits in Deutschland per Hand hergestellt. Und dennoch sind die ShampooBits nicht teurer als das feste Shampoo, das man bei der Kette Lush kaufen kann, obwohl Lush keine Naturkosmetik ist.

Richtig angewendet sind die ShampooBits sehr ergiebig. Die meisten benutzen generell viel zu viel Shampoo und das ist weder gut für das Haar noch die Kopfhaut.

Außerdem gibt es auch kostengünstigere Alternativen wie Haarseifen (Seifenstücke, also echte Seife, speziell fürs Haar), reine Olivenölseife, Natron oder Roggenmehl. Ich persönlich komme am besten mit Roggenmehl klar (hier habe ich einen ausführlichen Artikel dazu), während Hanno sich an 100%-ige Olivenölseife aus dem Bioladen hält. Beides ist sogar kostengünstiger als Shampoo aus Plastikflaschen!

Es gibt schön weiche, waschbare Baumwollpads, die der Hautschmeicheln…

… sowie rein pflanzliche Luffaschwämmchen, eine der besten Peelingmethoden für die Haut neben Kaffeesatz ! Wer braucht schon blödes Mikroplastik!

Nachdem man also von Kopf bis Fuß wieder ein sauberes Schweinchen ist, darf man sich in dieser Körperbutter suhlen.

Für die Hygiene im Mundraum gibt es Bambuszahnbürsten und Zahnseide aus Naturseide.

Es dürfen auch die Zahnputztabletten nicht fehlen. Die zerkaut man und putzt sich damit die Zähne.

Wer neben einen sauberen Körper auch Wert auf ein sauberes Zuhause legt – pffff, wer will das denn schon? – bekommt hier auch die grundlegenden Zutaten, nämlich Waschsoda, Citronensäure, Natron und Kernseife (wobei wir immer Olivenölseife benutzen, weil sie kein Palmöl enthält). Erstaunlicherweise kann man aus den gleichen Zutaten so viel auch für die Körperpflege machen (siehe Box unten)!

Was man allerdings vergeblich findet, sind Menstruationstassen, Stoffbinden und Klopapier, weil sie nicht so gut in einen Gemüseladen passen. Aber das könnte sich mit steigender Nachfrage ja vielleicht ändern .

Fazit

Im Gegensatz zu den vielen Ketten ist jeder Unverpackt-Laden anders und ganz individuell, was ich immer besonders schön finde. Dass es keine Massenabfertigung ist, bekommt man auch als Kunde immer zu spüren. Einkaufen hat sich für uns vom „Stress an der Discounter-Kasse“ zu einem wirklich sehr erfüllendem Erlebnis jede Woche entwickelt.

Das Konzept, dass man keinen eigenen Laden aufmacht, sondern in bereits etablierten Bioläden ein Zusatzangebot aufzieht, finde ich auf vielen Ebenen sehr klug.

Unternehmerisch klug, weil das Risiko geringer ist. Und nachhaltig kann ein Geschäftsmodell auch nur sein, wenn es sich auch langfristig finanziell rentiert. Ökologisch klug, weil man damit viele bereits ökologisch interessierte Menschen (nämlich den bestehenden Kundenstamm) erreicht, die aber vielleicht noch gar nichts von unverpacktem Einkaufen gehört hatten.

Ich habe auch häufig das Gefühl, dass viele Leute etwas scheu haben, überhaupt einen Unverpackt-Laden zu betreten, weil sie gar nicht wissen, was sie dort erwartet und wie sie sich zu verhalten haben. Sie wollen nicht gerne gucken und dann ohne etwas zu kaufen wieder den Laden verlassen. Bioläden kennt man aber schon, d.h. die Hemmschwelle ist direkt niedriger.

Das Konzept schein auch aufzugehen! Alte Kunden nehmen das neue unverpackte Angebot sehr gut an. Es kommen auch neue, vor allem junge Kunden speziell für das unverpackte Angebot, die auch gerne etwas Gemüse kaufen und eine Suppe dort essen.

Christine, Tamás, Jenny und Franzi haben aber noch mehr vor!

Sie träumen davon, dass sich unverpacktes Einkaufen so eines Tages in jedem Stadtteil etabliert, ähnlich wie in vielen Stadtteilen oder Dörfern die Postfiliale in einem anderen Laden mit drin ist, weil sich eine eigene Postfiliale nicht halten könnte.

Menschen, die z.B. nicht gut zu Fuß sind, könnten die Waren in Pfandbehältnissen per Lastenfahrrad geliefert bekommen. Innerhalb einer Stadt könnte man auch so alle Bioläden mit Unverpackt-Abteilung beliefern.

Eine sehr runde Sache, wie ich fand!

Ich fand es auch schön, meiner Ma endlich mal all das in echt zeigen zu können. Sie war natürlich irre stolz drauf, dass es endlich auch in ihrem Frankfurt so was gibt!

6 Kommentare

  1. Wir waren auch schon mehrmals bei Gramm.genau. Da wir glutenintolerant sind, haben wir natürlich ein eingeschränkteres Einkaufsspektrum was Getreide angeht. Momentan kaufen wir tatsächlich nur Hygieneartikel, die ja ewig halten, Salz, Tee und Buchweizen zum Brotbacken (da es gf Brot auch nur in Plastik verpackt gibt). Demnächst wollen wir auch Unverpackt Mainz erkunden und dort die Lebensmittel auffüllen, die wir in Frankfurt nicht bekommen.
    Ein Traum wären glutenfreie Haferflocken, die gibt es im Bioladen tatsächlich nur in Plastik oder im Internet im 25 Kilo-Sack in einer Papiertüte (daran würden wir dann 10 Monate essen) xD

    Liebe Grüße,
    Nadine

  2. Ich finde es auch total gut, dass es auch in Frankfurt ein Unverpackt-Angebot gibt. Ich war jetzt auch schon mehrmals da und finde den kleinen Laden sehr schön. Den Besuch dort kann man nämlich sehr gut mit dem Einkauf auf dem Wochenmarkt in Bornheim Mitte verbinden (dort war man ganz begeistert von meinen von Mama selbstgenähtem Stoffbeuteln fürs Obst und Gemüse).
    Liebe Grüße,
    Antje

  3. So cool, dass es das in Frankfurt gibt, ich muss da unbedingt hin. Ich habe meine Zeit im doch recht hippie-mäßigen Mainz irgendwie vermisst, hier zuhause in Frankfurt ist doch vieles weniger auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.

    Der Laden sieht sehr hübsch gestaltet aus und das es keine zig Produkte gibt, finde ich auch erstmal völlig ok 🙂

    • In Mainz gibt es übrigens den Unverpackt Mainz, auch ein echt netter Laden! Ja, in Frankfurt muss man schon genauer wissen, wo was geht, das war auch mein Gefühl. Im Gespräch mit Christine war ich richtig überrascht, was es alles gibt! Sie ist da nämlich super vernetzt und plötzlich hab ich Frankfurt mit ganz anderen Augen gesehen! Ich sehe es auch so, dass man eigentlich nicht zig Produkte braucht! Im Gegenteil, ich fand das früher im Supermarkt schon immer so unglaublich anstrengend und hatte das Gefühl, für so einen banalen Wocheneinkauf hunderte Entscheidungen treffen zu müssen! Wie sehr das einem eigentlich „den Kopf zuklebt“ (so beschreibt Hanno das immer), hab ich erst mit Zero Waste gemerkt, als mich dann die eingepackten Sachen einfach nicht mehr interessiert hatten. Es lebe der Minimalismus :D!

  4. Christiane

    Super, dass du über grammgenau schreibst – ich war jetzt mehrfach da und bin echt sehr zufrieden. Schick finde ich auch, dass man über die Homepage einsehen kann, welche Produkte zur Zeit unverpackt verfügbar sind. Optimal, um in Ruhe vorab zu planen und sich die passenden Behälter einzupacken…

    Hoffe sehr, dass der Plan sich bewährt und man bald auch in anderen Stadtteilen Haferflocken zapfen kann!!

    Ich frage mich auch, ob das Konzept nicht auch etwas wäre für kleine Urlaubsorte. Die ganzen winzigen Nordseeinseln zum Beispiel, wo man den ganzen Müll der Sommergäste per Schiff zurück aufs Festland schippern muss – total bescheuert. Außerdem haben die Gäste dort Zeit und Ruhe, um mal was Neues auszuprobieren – was sich dann vielleicht auch in neuen Gewohnheiten für den Alltag niederschlägt. Kleine Träumerei am Rande 😉

    • Ja, ich drücke auch beide Daumen! Ich fände ja auch noch den Lieferdienst per Lastenrad gerade für viele ältere Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind (wie meine Ma leider), toll! Ich habe schon so häufig gehört, dass es eine unglaubliche Erleichterung ist, dass Läden wie REWE inzwischen liefern. Noch besser ist es aber natürlich, wenn nachhaltige Läden das machen <3! Mir hatte auch schon mal ein älterer Herr auf dem Blog geschrieben, der nicht mehr viel tragen kann. Er wollte aber gerne unverpackt einkaufen, hatte aber Sorge wegen der Gläser, die man ja auch auf dem Hinweg schon schleppen muss.
      Das mit den Nordseeinseln wusste ich gar nicht, macht aber natürlich Sinn, wenn man mal darüber nachdenkt. Der Müll wird ja auch sonst auf dem Land ewig weit herumgefahren, denn es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass die Ausschreibungen für den Verkauf des Mülls europaweit machen muss. So wird der Müll quer durch Europa gekarrt… Ja, was man nicht alles lernt, wenn man mal eine Abfallaufbereitungsanlage besichtigt! Kann ich wirklich nur jedem ans Herz legen! Es ist einfach krass, mal in echt vor diesen Müllbergen zu stehen und den Müll auch zu riechen! Danach möchte man wirklich nicht mehr dazu beitragen.
      Ich finde deinen Vorschlag übrigens toll, dass die Gäste sich im Urlaub mal in Ruhe an neue, nachhaltigere Praktiken herantasten können, die sie vielleicht mit in ihren Alltag zurück mitnehmen. Definitiv das beste Souvenir überhaupt ;)!

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